Lebensgeschichten


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Martin Schiffel (*1966): Die Sucher, 2002
Öl auf Holz, 72 x 128 cm

 

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Werde Frei!

Seit meinem Beitrag „Befreiung?“ vom November 2015 sind schon wieder zwei Jahre vergangen. Doch nun lässt das Vergangene endlich los. Nachdem ich im Sommer 2016 „beschlossen“ hatte, mir mit 57 Jahren einmal eine Kur zu „gönnen“, hat sich etwas entwickelt, das ich als Weg zum inneren Loslassen wahrnehme.

Eine Kur ist ja nur möglich, wenn ein „Leiden“ vorliegt. Obwohl unser „Leiden“ als Kriegsenkel als solches ja bereits genügen müsste, uns einmal eine Pause, eine Auszeit vom verzehrenden Alltag zu ermöglichen, begründet dies „Krankheitsbild“ noch keinen Anspruch auf Leistung. Insoweit war ich „froh“, dass ich mit „Reizdarm“, „Rückenschmerzen“ und anderen „Gebrechen“ aufwarten und auf eine verständnisvolle Ärztin treffen konnte. Nach vier Wochen im Südschwarzwald fühlte ich mich ganz geerdet und gut erholt. Leider war dieser Zustand nicht von Dauer. In meiner anschließenden „Nachkur“ zu Hause ist mir so viel bewusst geworden, was ich in den letzten Jahrzehnten mir gegenüber versäumt habe und wie „nachlässig“ ich mit mir umgegangen bin, dass ich erst richtig „krank“ wurde.

Dann hatte ich das Glück, in eine kleine Fachklinik im Südschwarzwald gehen zu dürfen. Und dieser Aufenthalt hatte es in sich. Ich wusste, dass ich mir in meinem Leben bereits „alles“ angeschaut hatte und wollte daher in der Therapie noch einmal ganz von vorne beginnen. Und siehe da, gleich nach meiner Geburt und in den darauffolgenden Monaten bin ich fündig geworden. Im Tagebuch meines Vaters aus dieser Zeit steht ja über meine ersten Lebensmonate:

„Anfang April (Anm.: da war ich gerade fünf Monate alt) haben wir mit dem täglichen Luftbad in dem großen Obstgarten bei uns begonnen. Ob es sonnig ist oder der Himmel bedeckt, immer kommst Du von Mittag bis Abend mit Deinem Wägelchen in den Garten. Wie oft schleichen Mutti und ich in Deine Nähe, um Dich zu beschauen. Die Luftbäder bekommen Dir ausgezeichnet und mitunter liegst Du ganz nackig und strampelst ganz lustig vor Freude. In dem großen Garten hinter dem Hause in Berlin ist für Dich ein herrlicher Platz. Dort wirst Du jeden Tag von Mutti oder von mir hineingestellt. ... So lange Du noch still in Deinem Wägelchen liegst, bist Du ganz alleine im Garten. Mutti kommt dann schnell nach Hause, säubert und füttert Dich und fährt dann mit dem Fahrrad wieder zur Arbeit. ... Mein Weg ist immer noch zur Universität, ich muss lernen und studieren, doch nehme ich einen kleinen Teil an Deinem Gedeihen, in dem ich Dich versorge, wenn ich zu Hause bin. ... In diesen Tagen, es war um den 20. August, konnten wir im Garten Dich nicht zur Ruhe bringen. Du begannst Dich im Wägelchen aufzurichten. Einmal versucht, nahm es dann kein Ende mehr. Du glaubest wohl, jetzt verpasse ich alles was sich um mich abspielt. Wollten wir fortgehen, so richtest Du Dich sofort wieder selbst auf und schautest nach uns. Ich versuchte ganz schlau zu sein, indem ich schnell fortlief, es half nichts, sofort fingst Du erbärmlich an zu schreien, wenn niemand sich zeigte. Wir wußten schon nichts mehr anzufangen, so verzweifelt schien uns die Situation. ... Am liebsten aber war es Dir, wenn jemand in der Nähe war, dann „unterhieltst“ Du Dich ganz alleine, schnurrtest wie ein Kätzchen.“

Obwohl ich die „Tatsachen“ seit langem kannte, begann ich nur langsam, sehr langsam, zu verstehen und zu fühlen, was da eigentlich dahinter steckt. Für mich ist es die ewige, lebenslange Erfahrung, dass mir kaum Zuwendung zusteht. Damit bin ich schon als Baby konfrontiert gewesen, als Mutter und Vater mich mit fünf Monaten täglich von Mittag bis Abend in meinem Kinderwagen alleine in einen etwa 150 m entfernt von unserer Dachgeschosswohnung im Innenbereich des großen Häuserblocks gelegenen Garten unter zunächst blühenden Kirschbäumen abgestellt und mich erst wieder im Oktober (und bei Gewitter, Regen und schlechtem Wetter) in die Wohnung geholt haben.

Beim Lesen dieses Ausschnittes aus dem Tagebuch war mir noch einmal bewusst geworden, wie ich nur sehr langsam und behutsam in der Lage bin, Schicht für Schicht dieser Konditionierung abzutragen. Als ich las, was mein Vater schrieb „Am liebsten aber war es Dir, wenn jemand in der Nähe war, dann „unterhieltst“ Du Dich ganz alleine, schnurrtest wie ein Kätzchen.“ verstand ich meine frühkindliche Konditionierung immer, immer besser.

Ja, ich war monatelang in einem „schönen“ Garten abgestellt, niemand hat mein Rufen, mein Weinen, mein Schreien wahrgenommen. Niemand ist gekommen, wenn ich atemlos und schluchzend in meinem Wägelchen lag und mich nach Zuwendung und Trost dürstete. Wenn ich dann endlich wieder in der Wohnung lag, war ich zufrieden, dass überhaupt jemand da war und „schnurrte wie ein Kätzchen“. Daher reichte mir bisher ja auch die bloße Anwesenheit von Menschen aus, mich „in Sicherheit“ zu fühlen und damit „zufrieden“ zu sein. Mehr stand mir ja ohnehin nicht zu.

Heute nun merke ich, wie mich dieses ursprüngliche Lebensscript überformt und in Strukturen festgehalten hat, die mir „bekannt“ waren und mir ausgereicht haben. Insoweit habe ich dies ja auch jahrzehntelang nicht hinterfragt und mich mit dem Zustand abgefunden.

Glücklicher Weise hat mein Körper gegen all das revoltiert und mich schließlich auf den Weg geführt, den ich derzeit gehe. Meine „ärztliche“ Diagnose lautet ja auch nicht mehr „dies und das“ oder „krampfartige Oberbauchschmerzen“, sondern „posttraumatische Belastungsstörung“. Und das trifft es auf den Punkt. Ja, ich bin als Baby traumatisiert worden. Das hat sich bei mir tief, tief eingegraben. Erst die letzten Monate, beginnend mit der Kur, über die Fachklinik, die vielen Therapien und schließlich auch mit dem Kontakt und regen Austausch mit einfühlsamen Menschen haben bewirkt, dass ich aus der wachsenden Sicherheit heraus, endlich – auch allein und getrennt von Mutter und Vater und ohne „Dauerwiederverschmelzungssehnsucht“ – für mich da sein zu können, Schicht für Schicht dieses Traumas abtragen und fühlen und spüren kann, was mir damals eigentlich geschah. Darüber trauere ich immer mal wieder. Dass ich das noch einmal mit dem Schreiben diese Zeilen erleben und mit Tränen nachfühlen darf, empfinde ist als ein Geschenk an mich.

All das konnte ich aber erst erfahren, als das Thema „Kriegsenkel“ für mich bearbeitet war und insoweit nicht mehr im Vordergrund meiner Aufmerksamkeit stand. So haben die Alten dann doch bewirkt, dass ich mich selbst jahrzehntelang nicht sehen und erkennen konnte und daher auch über mich „geschwiegen“ habe. Nun ist der Knoten endlich geplatzt und ich bin dankbar und werde frei!

S.G. November 2017

 

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Kriegsenkel.

Immer noch im Krieg

Ich wurde 1960 geboren, mein Bruder 1964. Meine Eltern, beide 1932 geboren, haben den Krieg als Kinder erlebt. Beide mussten mit ihren Eltern nach dem Krieg aus Pommern bzw. Westpreußen fliehen.

Meine Mutter, autoritär und streng hatte zu Hause das Kommando. Mein Vater, unselbständig und schwach war für die ein drittes Kind.

Ich weiß nicht wie oft ich die Geschichten von Flucht und Vertreibung gehört habe, aber manchmal habe ich das Gefühl gehabt, selbst dabei gewesen zu sein. Dazu das Gerede und das Gejammer über die verlorene Heimat. Auch da habe ich gedacht, meine Heimat sei im Osten. Dazu immer das Gefühl, selbst verantwortlich zu sein für den verlorenen Krieg. Mein Vater, obwohl selbst zu jung für den Krieg war immer noch begeistert von den Wochenschauaufnahmen. Immer wieder erzählte er uns wie toll die Flugzeuge doch waren und was für wagemutige Kerle die U-Bootfahrer doch gewesen sein mussten. Manchmal gab es kein anderes Thema. Meine Mutter wollte die perfekte Familie, alles zuhause perfekt sauber und ordentlich. Dass ich, wohnortbedingt keine Freunde hatte war ihr egal. Sie musste ihre Aufgabe erfüllen, da war kein Platz für Vergnügen. Ich habe diese Zeit gehasst und ich hasse sie immer noch.

Ich verstehe, dass Menschen die im Krieg ausgewachsen sind so denken und reden, aber was sie aus ihren Kindern, den Kriegsenkeln gemacht haben ist fast ein Verbrechen. Ich kenne viele Männer aus meinem Jahrgang, die auch Kriegsenkel sind, und viele sind im Leben gescheitert. Beziehungsunfähig, Alkoholiker, voller Schuldgefühle und Depressiv. Sie versuchen immer noch das zu verstehen und alles wieder heile zu machen und irgendwas gut zu machen. Und ich versuche das auch oft noch. Dabei war ich gar nicht dabei, und das ist das schlimme. Wie soll ich eine Schuld wett machen, wenn ich gar nicht weiß worum es eigentlich geht? Meine Eltern haben es sich einfach gemacht. Sie haben alles erzählt und ihren Müll abgeladen, und ich war der unfreiwillige Therapeut. Ohne Ausbildung, und viel zu jung.

Ich leide immer noch darunter, obwohl meine Eltern inzwischen tot sind. Die Gedanken kommen immer wieder, als wenn es eigene Erlebnisse sind. Das schlimme war, dass man nichts dagegen sagen durfte, dass einen das nicht interessiert. Sie haben einen dazu genötigt, weil sie einen Schuldigen brauchten, der ihnen das alles eingebrockt hat. Die wahren Schuldigen waren zu dem Zeitpunkt tot oder haben sich aus der Verantwortung gestohlen.

Ich hasse es, zu dieser Generation zu gehören, aber ich habe keine andere Wahl. Auch ich bin Beziehungsgestört und habe nie geheiratet und keine Kinder. Ich habe für die Erlebnisse meiner Eltern mit meinem Leben zahlen müssen, und dafür werde ich sie bin ans Ende meiner Tage abgrundtief hassen. Das war noch schlimmer als Missbrauch, weil es subtiler war. Ohne sichtbare Spuren, ohne Narben. Die Narben sind auf der Seele, und niemand will sie sehen. Ich habe mir schon oft gewünscht ich wäre selber tot, damit ich das nicht immer wieder durchmachen muss. Die Alten haben ihren Frieden, aber nur auf Kosten ihrer Kinder.

Ich kann den Alten dafür nicht vergeben, niemals. Ich kann es verstehen, aber wie sie andere, und dazu noch ihre eigenen Kinder dafür verantwortlich gemacht haben ist geradezu widerlich. Das ist mit nichts zu entschuldigen.

Christian. November 2017

 

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Das nebulöse Erbe der Donauschwaben

Ich bin ein Nachkriegskind, das im Oktober 1957 als jüngstes von drei Kindern in Ulm an der Donau geboren wurde. Das ist in zweierlei Hinsicht eigenartig. Mein Geburtsort war mit einiger Sicherheit die Stadt, von der aus meine Vorfahren (nach meinem bisherigen Wissensstand so um 1780) in die neue Heimat aufgebrochen sind und es war im Oktober, gerade mal 12 Jahre nach dem blutigen Herbst von Kovin.

Meine Eltern sind beide 1920 in eben diesem Kovin in der Vojvodina, unweit von Belgrad im heutigen Serbien geboren. Sie waren die Nachkommen von deutschstämmigen Siedlern, die zur Zeit der österreich-ungarischen Monarchie dort angesiedelt wurden, um das Land urbar zu machen.
1941 fielen Bomben auf Belgrad und das Land wurde von deutschen Truppen besetzt. Es kam zum Partisanenkampf, wobei die verschiedenen Partisanengruppen z.T. auch noch untereinander verfeindet waren. Der große gemeinsame Gegner war allerdings die SS-Division „Prinz Eugen“, die mit den damals „üblichen“ Methoden dagegen vorging.
Nach dem Rückzug der deutschen Wehrmacht kamen im Gefolge der russischen Armee die Partisanen zurück und Josip Broz bekannt als Marschall Tito begann sein kommunistisches Jugoslawien zu gründen. Er wollte einen kompletten Umsturz, einen Neuanfang und alles was ihm im Weg war wurde halt beseitigt, so auch die Volksdeutschen. In den sogenannten AVNOJ-Beschlüssen wurden alle Deutschen enteignet und ihnen gleichzeitig alle staatsbürgerlichen Rechte entzogen. Sie waren praktisch Freiwild. Was dann geschah, bezeichnet man heute als Völkermord.*
So kam es im Oktober 1945 zum blutigen Herbst von Kovin mit Massenhinrichtungen an Deutschen. Meine Mutter, mein Bruder (er war damals knapp 1½ Jahre alt) und meine Großmutter wurden im Vernichtungslager Rudolfsgnad interniert, was meine Oma nicht überlebt hat. Sie ist dort verhungert oder besser gesagt elendiglich verreckt. Wahrscheinlich liegt sie in den Massengräbern auf der Teleschka.
Nach Auflösung der Vernichtungslager (im Januar 1948) war noch immer nicht Schluss. Die Deutschen mussten sich das Geld für die Ausreisepapiere erst verdienen und kamen in Arbeitslager. Dort, im Lager Jabucki Rit zu deutsch Apfeldorf, fanden die Reste der Familie wieder zusammen.
Erst im Jahr 1954 kamen sie dann im Auffanglager Piding in Oberbayern an, so mein derzeitiger Wissensstand.

Das alles wusste ich nicht. Lange Zeit war ich der Meinung, sie seien lediglich abgeschoben worden. Abschiebelager ist zwar nicht lustig, aber auch nicht lebensgefährlich. Wo die väterliche Seite meiner Familie in dieser Zeit war, davon habe ich überhaupt keine Kenntnisse.
Was erwartete mich nun als Kind, als Jugendlicher in dieser Familie? Eigentlich ist es unbeschreiblich, denn von einer Frau, die derartig traumatisiert wurde ist eigentlich nichts mehr übrig.
Gefühlskälte, das ist das erste, das ich empfand. Meine Mutter geht regelrecht roh mit mir um, da ist mein Opa ganz anders.
Mutter und Vater sind eigentlich nie da. Sie arbeiten, kommen um 18:00 nach hause, dann wird gegessen und ich muss ganz brav sein, denn sie sind jetzt müde.
Diese Familie sah sich dazu gezwungen, mit aller Gewalt funktionieren zu müssen und genau das bekam ich zu spüren. Waren meine Eltern im Haus herrschte ständig eine gewaltige Anspannung.
Verstärkt wurde das noch durch kleine Randbedingungen, die eigentlich mehr oder weniger Zufall sind. So haben meine Eltern beide das Schneiderhandwerk gelernt und so hatte ich schon im Alter von 4 Jahren einen Maßanzug mit Weste und Fliege, den ich natürlich abgrundtief gehasst habe.
Hatte ich den an, durfte ich mich nicht mehr rühren und Sonntags wurde kein Schritt aus dem Haus getan, ohne dass ich ihn anhatte.
Gefühlskälte, Druck und Anspannung, das hat mein Leben bestimmt, wobei mein Opa vieles von dem kompensiert hat. Am schönsten war es wenn ich mit ihm im Bollerwagen in den Garten fahren durfte. Vieles habe ich von ihm gelernt, im Gegensatz zu meinen Eltern, die wollten nur ihre Ruhe haben...

Aber irgendetwas stimmt nicht in dieser Familie, das spürst du von klein auf ganz genau…
Ich hatte dafür aber keine Worte, konnte es einfach nicht ausdrücken. Lange Jahre hatte ich den Spruch drauf: „In meiner Familie komme ich mir vor, wie auf dem Finanzamt!“
Wenn du in einer kranken Umgebung lebst und das vom Beginn deines Lebens an, dann ist das so selbstverständlich, dass es dir als „normal“ erscheint.
Im Alter von 4½ Jahren entwickelte ich einen Sprachfehler und begann zu stottern. An einen Arztbesuch wegen dieses Stotterns kann ich mich nicht erinnern. Er wurde im Laufe der Jahre auch besser, aber Jahrzehnte später bin ich dann doch mal zum Logopäden gegangen…
„Sie haben keinen Sprachfehler, dieses Stottern ist reiner Stress, machen Sie Entspannungsübungen...“
Als ich in die Schule kam, habe ich drei Jahre lang sehr, sehr oft den Kaba, den ich zum Frühstück bekam wieder erbrochen. Ich hatte Angst in die Schule zu gehen, fühlte mich von den vielen Gleichaltrigen überfordert…
Wo kommt so etwas her? Heute weiß ich es. Es sind mangelnde soziale und emotionale Kontakte.
Es ist genau das, was ehemalige KZ-Häftlinge, ehemalige Gefangene aus Vernichtungslagern nicht mehr können…
Das war auch genau das, was meine Eltern immer und immer mehr taten: Alle sozialen Kontakte abbrechen, stattdessen sollten allerdings ihre Kinder für sie da sein…
Parentifizierung – Rollenumkehr, du wirst regelrecht dazu gezwungen, dich um deine Eltern zu kümmern.
Als meine Mutter es endlich geschafft hat, meine Großeltern (väterlicherseits) zum Ausziehen zu bewegen, bin ich zusammengebrochen. Ich war damals 13, meine Schwester schon in der Lehre und ich jeden Tag stundenlang mit meiner Mutter alleine. Ich wurde ihr Seelenmülleimer…
Angstzustände, Depressionen das kannte ich schon, aber was jetzt kam…
Mit 16 begann ich zu trinken, um mich wenigstens dadurch entspannen zu können und mit 23 war ich am Ende. Suizidversuch – Bezirkskrankenhaus – geschlossene Abteilung – 4 Monate Klapse….

Seither besteht mein Leben aus einer endlosen Kette von Versuchen aus diesem Teufelskreis herauszufinden und wie gesagt, gewusst habe ich zu diesem Zeitpunkt noch lange nichts.
Geändert hat sich das erst im Jahr 2007! Damals machte ich eine ambulante Therapie. Während so einer Therapiesitzung sagte mein Therapeut zu mir: „Also so wie Sie über ihre Familie reden, muss da etwas Furchtbares passiert sein, ein Mord oder so...“
Ich habe ihn angeschaut, wie ein Auto: „Bei uns ist doch nie…???“
Dieses Gespräch hat mich 14 Tage lang nicht mehr losgelassen. Dann habe ich einfach ein paar Ortsnamen in eine Suchmaschine eingegeben und als ich das Ergebnis sah, hat mich beinahe der Schlag getroffen. Damals war gerade die zweite Auflage des Buches „Der Völkermord der Tito-Partinsanen“ erschienen mit Leseproben im Internet. Und da stand es schwarz auf weiß…
Ich komme auf mehr und immer noch mehr.
Es gibt ein Buch von Sigrid Chamberlain: „Adolf Hitler, die deutsche Mutter und ihr erstes Kind“
Dieses Buch ist für mich der Hammer. Es enthält auf das Komma genau, die Erziehungsmethode, die ich ganz persönlich erleiden musste, mit allen sich daraus ergebenden Konsequenzen.
Flüchten sich Eltern, flüchtet sich eine Mutter in ihrer Not in so einen Dreck, wenn sie feststellt, dass sie keine Gefühle und keine Liebe mehr in sich hat, oder waren sie am Ende…???
Ich weiß es nicht!
Meine Familie war ständig dabei sich auf den nächsten Krieg vorzubereiten, der Frieden wurde gar nicht mehr wahrgenommen und schon gar nicht gelebt. Alles, jeder Schrank war vollgestopft mit Kleidung. Nahrungsmittel und Geld wurden versteckt…
Wahrnehmen kann ich das alles erst seit ziemlich kurzer Zeit…
Ich bin an dem Punkt, des langsamen Begreifens. Verstehen, Verzeihen, das ist noch meilenweit entfernt.
Wahrscheinlich tue ich meiner Familie auch in vielen Dingen Unrecht, weil ich ihre Situation einfach nicht verstehen kann.
Und an dieser Stelle bekomme ich dann eine gewaltige Wut: Wie, verdammt nochmal, wie soll ich sie verstehen, wenn sie nicht mir darüber reden??? Wie soll das gehen?
… und wenn ich dann noch feststellen muss, das bekannte psychosomatische Kliniken noch nicht einmal Konzepte für diese Problematiken haben, die unsere ganze Gesellschaft betreffen, dann sehe ich darin meine Lebensaufgabe.

Leute, es ist höchste Zeit. Wir sollten endlich anfangen darüber zu reden.

Kriegsenkel Bad Neustadt / Saale – Günter Juni 2017

* dazu auch der Artikel von Götz Aly in der Berliner Zeitung vom 06.05.1999: http://www.berliner-zeitung.de/erinnerung-aus-gegebenem-anlass--der-voelkermord-an-den-jugoslawiendeutschen-1944-bis-1948-einmal-fuer-alle-zeiten-schluss-machen-16665728 – Anmerkung Forum Kriegsenkel

 

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Wie in einem Spinnennetz gefangen

Als Kriegsenkel kam ich 1960 mit einem Zwillingsbruder als fast Fehlgeburt mit Notkaiserschnitt auf die Welt. Angst vor dem Tod und Angst vor Jungs begleiteten mich seit ich denken kann. Ausserdem war ich schon als kleines Kind für das ganze Familiensystem verantwortlich, war Schuld wenn mein Bruder hinfiel, meine Mutter wütend, mein Vater traurig war. Ich wollte immer gut sein und helfen.

Si ta cuisses philosophus mansisses. Hättest du geschwiegen wärst du ein Philosoph geblieben, sagte mein Grossvater oft. Schweigen war angesagt. Die einzige Anerkennung war, perfekt in der Schule zu sein. Das nahm meine ganze Zeit in Anspruch. Die Angst vor Männern und Jungs wurde nur belächelt. Und so war ich die, die sich was zusammenspinnt. Es herrschte eine hohe aggressiv sexuelle Spannung in der Luft. Nach einem guten Abitur erfüllte ich den Familienauftrag, Ärztin zu werden, eigentlich wollte mein Grossvater und meine Mutter Ärztin werden. Ich war besessen davon ja keine Fehler zu machen, arbeitete bis zur Erschöpfung. Sogar am Wochenende versprach meine Mutter Nachbarn, dass ich immer da sei um zu helfen.

Ich geriet immer wieder in sexuell und emotional missbräuchliche Beziehungen und bezahlte immer für die Männer, damit ich bleiben durfte. Erst mit 45 Jahren anlässlich einer Massage, wo der Masseur plötzlich zwischen den Beinen herumfummelte und hauchte, er würde meine Kundalini aktivieren und sich dabei selbst befriedigte, kam ein flash back. Ich fühlte mich ganz klein und hörte die Stimme eines Familienangehörigen, der sagte: Du bist böse und wenn du jetzt aufstehen willst und es jemand sagst bringe ich dich um. Auch der strafende Gott, der alles sieht, ist tief verinnerlicht. Es dauerte 2 Stunden bis ich in der Lage war aufzustehen. Danach war mir klar, dass etwas in meiner Kindheit geschehen war. Als ich meine Mutter fragte gab sie nur zu Antwort: Es sei normal dass Männer dies tun. Somit war ich wieder allein. Als ich in die Wechseljahre kam hatte ich plötzlich das Gefühl, das KZ stand in meinem Zimmer. Ich hörte Todesschreie und immer wieder, du bist böse. Wenn ich an Orte kam, die in der Nähe eines KZ lagen ohne dass ich es wusste, musste ich anfangen zu weinen. Ich habe seit 4 Jahren Alpträume, starke Rückenbeschwerden und andere heftige körperliche Beschwerden und kann nicht mehr arbeiten. Ich war immer nur für andere da. Jetzt heisst es, ich sei egozentrisch. Aber ich kann einfach nicht mehr.

Mein Vater war bei der HJ und 5 Jahre in französischer Kriegsgefangenschaft. Mein Opa war bei der NSDAP aktiv, wurde entnazifiziert und war mehrere Jahre im tschechischen KZ. Mein Leben lang habe ich nur gearbeitet und war für andere da. Es gibt einen Teil in mir, der nicht glücklich sein darf und sich böse wähnt und bestraft werden sollte. Das ich dies alles spüre liegt an meiner Hochsensitivität. Ich weiss, dass es die Täterintrojekte sind, aber es hilft mir nicht weiter. Es ist als lebte ich in dem morphogenetischen Feld meiner Ahnen wie in einem Spinnennetz gefangen. Auch die tätigen Psychotherapeuten und Psychiater kennen sich damit noch nicht wirklich gut aus. Wie lange ich noch durchhalte weiss ich nicht. Aber ich bin dankbar für dieses Forum. Es zeigt dass ich nicht verrückt bin. Ich kenne es nicht, sich geliebt zu fühlen. Oder liebevolle körperliche Zuwendung. Da ist nur Schmerz und eine tiefe Leere. Gleichzeitig empfinde ich tiefes Mitgefühl für alle in diesem Forum. Wenn ich die Kraft hätte, würde ich als Betroffene und Ärztin gerne zur Hilfe beitragen.

Nachträglich möchte ich noch sagen, dass es trotz des Schmerzes wichtig ist das Vergangene zu vergeben bzw. sich für Vergebung zu öffnen, damit das Täter-Opferprinzip durchbrochen und geheilt werden kann. Ich weiss, es ist nicht leicht. Aber alle Täter waren wiederum Opfer von Tätern. Gleichzeitig ist es wichtig und notwendig, dass das, was geschehen ist, nicht verleugnet wird. Das ist ja letztendlich der Grund, dass es die Nachkommen tragen. Das was ist darf da sein und muss beim Namen genannt werden. Vergebung ist der nächste Schritt.
H., Januar 2017

 

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Wo war die Liebe

Geboren wurde ich 1969 als einziges Kind meiner strengen, bestimmenden Mutter und meines nie erwachsen gewordenen Vaters, der, wenn nicht auf Arbeit, eher ein Befehlsempfänger meiner Mutter war.
Obwohl sie 13 Jahre nicht arbeitete, war sie nie wirklich für mich da. Sie war anwesend, hielt die Wohnung klinisch rein und kritisierte und schimpfte sogar schon wegen eines trotzigen Blickes. Ich war ständig krank, was aber auch nicht zu mehr Aufmerksamkeit führte. Ich hielt das lieblose Zuhause für normal, bis ich eines Tages mit 6 Jahren zum 1. Mal bei einer andren Familie zu Gast war. Das liebevolle Miteinander schockte mich zutiefst. Ich fragte daheim meine Mutter, warum sie mich eigentlich nie in den Arm nehmen würde. (Sie vermied körperliche Nähe seit ich denken kann). Ihre Antwort: „Sei nicht so frech oder ich schmier dir eine!“ Ich fragte nie wieder. Oft stand ich auf unsrem Balkon und überlegte, ob ich wegfliegen könnte, so wie in meinen Träumen.
Ich durfte kaum zu Freundinnen, da meine Mutter keine Gegenbesuche duldete. Ich durfte einen einzigen Geburtstag feiern, dann wars das. Unnötig. Jedes Wochenende ließen sie mich allein und fuhren bis morgens weg. Ich erfuhr erst später, dass sie tanzen waren. Ich fühlte mich einsam und verlassen. War ich unartig, wurde mir mit Heim gedroht. Beim Essen lag ein Stock hinter mir, damit ich nicht mit Lachanfällen das Mahl störte.
Auch meine Jugend war geprägt von Beleidigungen, Kontrolle, Ablehnung und Desinteresse. Im Rückblick fallen mir immer mehr Ungeheuerlichkeiten ein, die mich sehr verletzen und eigentlich ihr und mir zuliebe unausgesprochen bleiben sollten.
Meine Großeltern waren Vertriebene und Mutter und ihr Bruder wurden auf der Flucht geboren. Sie lebten als Knechte an vielen Orten, bis sie einen Ort zum Neuanfang fanden. Ihre Kindheit bestand aus Arbeit, Lieblosigkeit und Prügel vom cholerischen Vater. Wen wunderts, dass sie so geworden ist. Ich hab Verständnis für sie, aber verzeihen kann ich ihr nicht. Ich halte Kontakt, spreche aber Probleme nicht an. Sie regt sich sonst sehr auf, weint, weil ich undankbar sei und wird krank. Früher machte mein Vater mir dann Vorwürfe. Jetzt lebt er nicht mehr, und ich nehm Rücksicht auf ihre Trauer.
Ich geb meinen Kindern all die Liebe und Hilfe, die ich als Kind so sehr gebraucht hätte. Ich stelle mich und meine Bedürfnisse immer zurück, Hauptsache allen andren gehts gut. Das perfekte Opfer, das man ausnutzt und übergeht. Erst seit wenigen Jahren traue ich mich, meine Meinung auch mal zu vertreten und nein zu sagen. Schwerstarbeit. Ich hätt gern ein andres Leben gelebt. Jetzt begreife ich aber wenigstens, warum alles so gekommen ist.
Meine Mutter fragte mich einmal vor Jahren, warum ich mich von Männern immer wie Dreck behandeln ließe. „Was hat dich nur so gemacht??“ Meine mutige Antwort: Du! Du hast mich so gemacht!!
Das erste und einzige Mal, dass ich mich traute aufzubegehren.

Nachtrag

Das Ganze hatte wohl den Ursprung bei meinem Großvater mütterlicherseits, vor dem wir alle Angst bzw. enormen Respekt hatten. Er regierte seine Familie mit harter Hand, war kalt und verletzend, Pünktlichkeit und Sauberkeit waren oberstes Gebot, Widerrede war zwecklos. Selbst Spielen oder Lesen waren verboten. Für ihn reine Zeitverschwendung. Je älter er wurde, umso weniger Freunde und Familie ließen sich blicken. Ich bezweifle, dass er überhaupt jemals Freunde hatte. Seine Frau und Kinder litten unter ihm, unterwarfen sich aber pflichtbewusst. Für ihn waren sie 'Klötze am Bein', die sich als Wiedergutmachung nützlich machen und seine Launen ertragen mussten. Wir Enkel wussten nicht um die Hintergründe, wohl bekamen wir die bedrückende Grundstimmung mit, sowie auch manchmal die gefürchteten Wutanfälle.
Erst als ich schon erwachsen war, erfuhr ich Bruchstücke aus seiner Kindheit, besonders eine Sache, die mich etwas milder auf ihn blicken ließ.
Er selbst erzählte einmal in einem schwachen Moment, dass er als schwächliches Kind in einer sehr kinderreichen, armen Familie geboren worden war, und seine Mutter ihn nicht versorgte, da er eh nicht überleben würde. Erst als er nach Tagen immer noch schrie, überredeten sie die Geschwister, ihn doch in die Familie aufzunehmen. Eine entsetzliche Vorstellung, als Kind mit diesem Wissen aufzuwachsen. Zumal er zeitlebens an den gesundheitlichen Folgen dieser Tat bzw. Unterlassung litt. Die ganzen schlimmen Details wage ich gar nicht zu schreiben, aber ich wundere mich nicht, warum meine Mutter so ist wie sie ist, und warum ich mit diesen Schwierigkeiten kämpfe.
Das Schlimme ist das schweigende Erdulden, das die nachfolgenden Generationen vergiftet. Mir geht es besser, seit ich die Zusammenhänge sehen kann. Ich weiß, ich bin nicht schuld und ich hab mein Bestes gegeben. Ich bin es meiner Mutter nicht schuldig, mich ununterbrochen um sie zu sorgen. Und ich habe für meine Kinder den Teufelskreis durchbrochen. Sie dürfen sich wertvoll, geschätzt und geliebt fühlen.
Jetzt arbeite ich daran, auch mir zu erlauben, dass es mir gut geht. Dass ich auch für mich leben darf, nicht nur für andere. Ein langer Weg.
Sanne, Februar 2016

 

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Eulenruf

In Gedenken an Iwan Szal (1911 - 1994) und Franz Gröschel (1905 - 1971)

Auf der Zugfahrt von Shitomir nach Rowno, am 6. Oktober 1943, war es, dass sich die Landschaft um Franz herum zu leeren begann.

Nach und nach verblassten die menschlichen Schemen, die sich einzeln oder in getriebenen Kolonnen entlang der Eisenbahnstrecke schleppten. Schloss Franz die Augen, durchstreiften höchstens noch der ein oder andere Bär oder ein Rudel Wölfe die weite ukrainische Ebene, glitt nur mehr vereinzelt der grauschwarze Schatten eines aufgestörten Nachtvogels über sie hinweg.

In seinen wenigen wortkargen Schilderungen, ausgelöst durch seltene Momente, in denen die Neugierde einer Schwiegertochter oder eines Enkelkindes den üblichen Mantel des Schweigens abschüttelte, sich in einem unbefangenen Moment Bahn brechend, umriss er die Ukraine später genau so: Weite, Wölfe, Bären, Eulen. Mehr war da nicht.

Etwa ein Jahr nach Kriegsende geschah es nur noch ein einziges und letztes Mal, dass Franz, der Maler, die Menschenleere seiner Bilder durchbrach - und dies nur, als wollte er die Abwesenheit von Menschen nachträglich erklären, den Hergang dazu erzählen: „Der Tod“, so nannten wir das düstere Gemälde, auf dem eine groteske Gestalt den gesichtslosen Zug der Menschheit und Menschlichkeit vor sich her trieb, einem weiß ummauerten Friedhof entgegen.

Kaum merklich schloss sich Franz seit jener Zeit auch körperlich dem entschwindenden Menschenstrom an, ergänzte die Verlassenheit seiner Bilder zunehmend durch die Leere vor der Staffelei, brachte sein Stillleben zur Vollendung.

Doch nun also: Stammlager Rowno.
Die wiederholten Fälle von Kannibalismus unter den etwa 100.000 in den Jahren 1941 bis 1943 dort zusammengepferchten sowjetischen Kriegsgefangenen wurden von der deutschen Lageraufsicht des Stalag 360 streng geahndet. Vielleicht sah man darin eine Unterwanderung des vom Reichsministerium für Ernährung und Landwirtschaft 1941 erlassenen „Hungerplanes“ zur angestrebten Dezimierung der sowjetischen Bevölkerung um etwa 30 Millionen Menschen.
Von den über 5 Millionen sowjetischen Kriegsgefangenen kamen über 3,3 Millionen durch Mord, Hunger, Erschöpfung und Krankheiten zu Tode.

Zuvor hatte Franz, der kunstfertige Zeichner, im Rückraum der voran feuernden Ostfront Landkarten und Geländeskizzen gefertigt. Von Landstrichen, deren Kartierung nur vollzogen wurde, um sie systematischer in Massengräber und verbrannte Erde verwandeln zu können.
So auch in Shitomir: Am 9. Juli 1941 durch die Wehrmacht erobert, zog Franz als Angehöriger des Landes-Schützen-Bataillons 351 direkt im Anschluss in die Stadt ein und blieb dort über zwei Jahre, bis zu eben jenem 6.Oktober, stationiert.
Seine und seiner Kameraden Aufgabe lag in der „Sicherung“ des eroberten Gebietes vor Partisanenanschlägen sowie der Bewachung von Kriegsgefangenen und Transportwegen.
Bereits am 18. und 19. Juli 1941 ermordete das SS-Sonderkommando 4a sämtliche männlichen jüdischen Einwohner, in einer zweiten „Welle“ im September und Oktober folgten Frauen und Kinder.
Diese insgesamt etwa 5000 Morde an Juden wurden teils als öffentliche Aufführung auf dem Marktplatz der Stadt inszeniert (Tod durch den Strang vor den Augen von Zivilisten und Wehrmachtssoldaten), größtenteils als Massenexekutionen in den umliegenden Wäldern.

Doch bald flutete die Front nicht mehr voraus, sondern zog sich wie die Brandung bei Ebbe immer weiter über verödeten Grund zurück. Karten des verlorenen Landes wurden nicht mehr benötigt - und Franz stattdessen dem Kommandeur der Kriegsgefangenen beim Wehrmachtsbefehlshaber Ukraine unterstellt.

Es muss spätestens hier gewesen sein, wo - inmitten von Sadismus, Kannibalismus, Verzweiflung, Hungertod - Franz die Bedeutung von Kriegsgefangenschaft bewusst geworden war.
Eine Erfahrung, die dem wenig heldenhaften, melancholischen Glasmaler aus Nordböhmen die Kraft verliehen hat, wenige Jahre später aus dem bereits durch Österreich in Richtung Sibirien rollenden Gefangenentransport zu springen, von der ausbleibenden Kugel in den Rücken angespornt die nächtlichen Fußmärsche gen Westen zu überstehen, im Schutz der Dunkelheit den eisigen Inn zu durchschwimmen und die in den amerikanischen Sektor vertriebene Familie wieder aufzuspüren.

Bei Franz‘ Ankunft am Bahnhof Rowno herrschte gespenstische Stille.

Um der Massen an Häftlingen besser Herr zu werden, war das Lager soeben auf eine neue Brachfläche im Vorort Zytyn umgesiedelt worden. Die noch arbeitsfähigeren Insassen wurden nun - auch in Anbetracht der näher rückenden Roten Armee - verstärkt zur Zwangsarbeit in die deutschen Reichsgebiete deportiert.
Es war Herbst geworden, seit Wochen herrschte eine nasskalte Großwetterlage vor, deren westliche Winde starke Regenfälle mit sich brachten. Wege und Böden waren verschlammt und aufgeweicht.

Herbstlicher Nebel verwischte alle Konturen und kroch klamm selbst durch die schmalsten Ritzen unter Franz‘ Ärmeln und Mantelkragen.
Während die 4. Kompanie den Truppentransportzug verließ, defilierten in umgekehrter Richtung die Verschleppten und Kriegsgefangenen den Bahnsteig entlang, um in eben jenem Zug in Richtung Deutsches Reich verfrachtet zu werden. Im dämmerigen Dunst schienen sowohl die schlurfenden Schritte als auch die stummen Seufzer der ausgemergelten Männer verschluckt zu werden, die in erbärmliche Lumpen gehüllt dicht an Franz vorbeigedrängt wurden. Der bestialische Gestank aller nur denkbaren menschlichen Ausscheidungen raubte ihm den Atem.

Aus einer windgepeitschten Birke jenseits der Gleise drang jäh das stockende Rufen einer Eule.
In dem Moment blickte Franz auf und starrte unvermittelt in ein zahnloses, gefrorenes Grinsen.
Blicke trafen sich - und es sollte für lange Zeit das letzte Mal gewesen sein, dass Franz sich unverwandt von einem menschlichen Blick in Bann ziehen ließ.
Der Warnschuss eines Gefangenenwärters ließ Franz zusammenfahren, nicht aber den Gefangenen. Durch ihn schien der Knall widerstandslos hindurch zu peitschen, ohne auch nur ein Lid zum Zucken zu bringen. Erst ein Kolbenstoß in den gedrungenen Rücken brachte ihn dazu, aus Franz‘ Blick und Leben heraus zu stolpern.

Verwirrt suchte Franz wieder den Anschluss an die Kameraden. Es war offensichtlich gewesen: der Gefangene war taub, kein Schuss, kein Gebrüll schien ihn erreicht zu haben. Und doch war der Ruf der Eule zu ihm durchgedrungen, Franz hatte es gesehen, er irrte sich nicht: sie waren sich in den dumpfen Heultönen begegnet, nur sie beide, wie in einer Blase aus Klang.

Ungezählte menschenleere Bilder später, die meisten davon Stillleben oder ukrainische Landschaften festhaltend, die sich in den diversen Kellern unserer Familie in Schweigen hüllten, nahm Franz mich, den jüngsten Enkel, ein letztes Mal an der Hand und spazierte mit mir über die winterkahlen Felder jenseits unseres Dorfes. Bis zum fernen Waldessaum hin keine Menschenseele zu sehen, nur eine einsame Gestalt im graublauen Arbeitskittel, die geflickte Hose aus den verschmierten Schäften der Gummistiefel herausgerutscht:
Iwan, verrosteten Stacheldraht an frisch erneuerten Holzpfählen festnagelnd.

Ich mochte Iwan, den taubstummen Knecht des benachbarten Bauernhofes, wie Strandgut zurückgeblieben nach den Wirren des Krieges, die harte Fronarbeit der verbrannten Heimaterde vorziehend.
Nachnamenlos aufgenommen in die Gruppenfotos der schwäbischen Weltkriegsveteranen und Sportschützen, auf denen seine hell strahlenden Augen und markanten Wangenknochen aus den runden, freundlichen Zügen unter schütteren Locken hervorstechen.
Im fadenscheinigen Feiertagsanzug im „Adler“ das Sonntagsbier durch die Kehle rinnen lassend, den Staub von Stroh und den Geruch von Kuhmist hinunterspülend. Uns Kindern stets ein zahnloses Lächeln schenkend und uns gerne kleine Kunststücke beibringend:

Wie man einen Zaunpfahl auf dem ausgestreckten Zeigefinger balanciert.

Wie man eine Weidenpfeife zurechtschnitzt, auf Grashalmen bläst.

Und wie man durch die hohl zusammengelegten Hände den Ruf einer Eule hervorbringt.

Nun hallten seine Hammerschläge weit über die verwaisten Viehweiden, wurden vom dichten Fichtenwald vielfältig zurückgeworfen und verwirbelten mit den erneuten Schlägen zu einem auf- und abschwellenden Rhythmus.
Iwan jedoch hörte weder die Schläge noch unsere sich nähernden Schritte.
Erst als ich dicht hinter ihm vergeblich versuchte, meinen Händen mehr als ein zischendes Pfeifen zu entlocken, bemerkte er uns, wand sich uns zu, legte seine wuchtigen Pranken zusammen und führte mir erneut den vollkommenen Klang seiner Handflöte vor. Wie erspürte er es nur, den Ton so sicher zu treffen?

Als ich aufsah, bemerkte ich, wie die beiden Männer sich erstarrt gegenüber standen. Langsam ließ Iwan seine Hände sinken.
War es der bissige Ostwind, der Tränen an die Winkel ihrer beider Augen trieb, der Iwans Lippen in stumme Zuckungen versetzte, der Franz‘ Arm in einen Tremor verfallen ließ?

Mir wird kalt, Opa, stammelte ich, und zog ihn am Ärmel mit mir fort.
Auf dem Heimweg fiel kein weiteres Wort mehr, und so vertiefte ich mich darein, Iwans Eulenruf nachzuahmen.
Mein Großvater schwieg.
Es war das Letzte, was ich von ihm hörte.

Besucher der Nervenheilanstalt, in der Franz seine letzten Monate verbringen und sein Leben beschließen sollte, berichteten später, aus seinem, des „Uhus“, wie sie ihn dort schmunzelnd nannten, Zimmer drangen bis zuletzt diese merkwürdigen, eulenartigen Ruffolgen, ehe sie sich in den linoleumverkleideten Anstaltskorridoren verloren.

Die Kurzgeschichte ist eine literarische Bearbeitung meiner Erinnerungen sowohl an den Großvater, als auch an einen ehemaligen ukrainischen Zwangsarbeiter aus unserem Dorf.
Ein Versuch über das Stumme und Taube in der Bewältigung unserer Geschichte.
Die Fakten im Text sind so gut wie möglich recherchiert - nur das Zusammentreffen der beiden realen Personen ist fingiert, hätte jedoch (fast) so oder ähnlich geschehen sein können.

Constantin, Februar 2016

 

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Befreit?

Seit meinem Eintrag „Befreiung“ vom Juli 2013 ist nun schon einige Zeit vergangen, doch das Vergangene lässt einfach nicht los. Zwischenzeitlich ist meine Mutter 90 Jahre alt geworden und hat meine Grußkarte und das Büchlein „Wir vom Jahrgang 1925“ mit dem Vermerk „Annahme verweigert“ zurückgeschickt. So gerne hätte ich eine Brücke der Begegnung gebaut, so sehnlich eine „positive Rückmeldung“ erwartet. Doch leider nur schweigen.

Meine Mutter, geboren in Mühlhausen in Thüringen, ist 1938 nach Neuruppin in Brandenburg gezogen. Ihr Vater, mein Großvater, hatte dort als NSDAP-Mitglied ein Kaufhaus „arisiert“, das im Zuge des „totalen“ Krieges 1943 geschlossen wurde, worauf mein Großvater sich im Neuruppiner See das Leben nahm. Da war meine Mutter 17 Jahre alt. Nach der Wiedervereinigung wollte meine Mutter das „Erbe“ ihres Vaters antreten. Doch da waren das Vermögensgesetz und der Rückübertragungsanspruch der Nachfahren der jüdischen Vorbesitzer des Kaufhauses „dagegen“. Insoweit ist die Sache nicht in ihrem Interesse ausgegangen. Darüber habe ich mich mit meiner Mutter auseinandergelebt. So konnte ich auch nicht mehr mit ihr über Vergangenes sprechen, das mir immer und immer wieder in den Sinn kam, obwohl ich zu der Zeit noch gar nicht geboren war.

Irgendwann habe ich dann angefangen, das aufzuschreiben, was mir über die vergangene Zeit und deren heutige Aufarbeitung wichtig war. Dabei bin ich auch auf das Forum Jugend in Deutschland 1918 bis 1945 gestoßen und habe viele Informationen bekommen, die zu immer neuen Fragen führten. Vor einem Jahr habe ich dann in der Garage meiner Eltern einen Pappkarton gefunden, in dem meine Mutter Briefe aus den Jahren 1942 bis 1960 aufbewahrt hatte. Das war eine wahre Fundgrube. Nachdem ich mich in die Sütterlinschrift eingelesen hatte, fügte ich das Gefundene in meine Aufzeichnungen ein und wurde immer neugieriger. Beim Bundearchiv erbat ich Auskunft über die NS-Vergangenheit meines Großvaters und bekam die Kopie der NSDAP-Mitgliederkarteikarte zugesandt. Auf dem Foto war mein Großvater in SA-Uniform abgebildet. Von dieser Zugehörigkeit hatte ich noch nichts gehört. Meine Mutter hatte mir davon auch nie etwas erzählt. In anderen Archiven fand ich Geschäftsunterlagen meines Großvaters, Hinweise auf das Schicksal der jüdischen Vorbesitzer des Kaufhauses in Neuruppin usw.

Schließlich hatten meine Aufzeichnungen einen Umfang von fast 200 Seiten erlangt und ich überschrieb sie mit „Hundert Fragen an meine Mutter“. In schön gebundener Form liegen sie nun vor und könnten gelesen und mit mir besprochen werden. Doch leider ist niemand da, der mit mir mein Geschriebenes teilen oder mir eine Rückmeldung dazu geben möchte. Von meiner Mutter erwarte ich es nicht, obwohl das „unsere“ Geschichte ist. Meine Patentante, die Schulfreundin meiner Mutter, hat nach dem Erhalt des Buches das vereinbarte Treffen mit mir abgesagt. Meine Frau will oder kann nicht, meine Kinder sind wohl noch zu jung (18 und 17) oder schon zu weit weg und Freunden möchte ich mit dieser Geschichte nicht zu nahe treten. So bleibt bei mir ein Loch.

Die Psychologin, die mich seit Jahren sporadisch auf meinem Weg begleitet, und der ich mein Anliegen vorgetragen und mein Buch vorgelegt hatte, äußerte zu meiner großen Überraschung, dass sie der Inhalt des Buches gar nichts angehe. Das sei die Geschichte meiner Mutter und die werde sie nicht mit mir besprechen. Außerdem empfinde sie das, was ich da getan habe, meiner Mutter gegenüber „übergriffig“. Gerne sei sie bereit, mit mir darüber zu sprechen, warum niemand mit mir mein Buch lesen möchte. Das war für mich harte Kost!

Glücklicher Weise hatte ich kurz danach einen Termin bei einem Lehrpsychologen und Supervisor. Der hat sehr viel einfühlsamer reagiert, mein Buch sogar angeschaut und mir folgendes Bild mit auf den Weg gegeben:

Das Schweigen der Generation der „Alten“ ist wie eine hohe Mauer. Da möchte niemand drüber schauen. Wenn doch geschaut werden müsse, dann so nach dem Motto: „Schau Du doch mal und wir gucken Dir dabei zu.“

Ich sei nun nicht nur auf die Leiter gestiegen und habe über die Mauer geschaut, sondern sei sogar über die Mauer geklettert und habe mir dort drüben alles angesehen. Das mache den Menschen Angst.

Mit dem Psychologen habe ich dann in weiteren Sitzungen die wichtigsten Passagen meines Buches besprochen und somit zumindest eine professionelle Resonanz erfahren.

Insoweit ist für uns Kriegsenkel das „Wegräumen der seelischen Trümmer“, die uns die „Alten“ hinterlassen haben, auch in der heutigen, aufgeklärten Zeit kein ganz einfaches Unterfangen.
S.G., November 2015

 

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Meine Geschichte

Meine Eltern waren beide Jahrgang 39, jung geheiratet um von zuhause weg zu kommen und jung zwei Kinder bekommen. Meine Mutter war Pflegekind bei ihrer Tante, da die eigene Mutter früh verstarb, den Vater hat sie nie kennengelernt. Vom Krieg hat sie wenig bis nichts mitbekommen.
Mein Vater war - wie er immer betonte - „4. Kind von 7“ oder musste sich „Mutterliebe durch 7 teilen“. Seine Mutter, meine Oma, eine starke Frau, musste im Krieg und in der Nachkriegszeit ihre 7 Kinder alleine durchbringen. Ich bin aufgewachsen mit Geschichten von Flucht und „wie die Mutter ihre Kinder mit Kordeln am Handgelenk an die Unstrut gebracht hat“, von Rückkehr, von Hunger Angst Kälte Gewalt in der Familie Leben im Wald von Armut Schlägen usw.
Die meisten Menschen die derartiges erlebt haben, wünschen sich als Eltern an ihren Kindern „alles wieder gut zu machen“ und gleichen dadurch ihre Defizite aus. Es findet dadurch auch eine Art Heilung statt.
Bei meinem Vater war das komplett anders. Ich bin aufgewachsen in einer Atmosphäre aus Angst und Bedrohung. Früheste Kindheitserlebnisse sind die, dass mein Vater meine Mutter blau würgte, dass sie Nachts sich prügelnd in unser Kinderzimmer stürmten, dass ich von Hilferufen meiner Mutter wach wurde, da war ich noch sehr, sehr klein.
Mein Vater war ein cholerischer, aggressiver, zu anderen Menschen aber oft ausnehmend freundlicher, lauter, rechthaberischer Mensch. Wenn ihm etwas nicht passte, schmiss er mit Sachen um sich. Meine Mutter bekam einmal Linsensuppe über den Kopf geschüttet, als ihm diese zu heiß war. In jeder Wohnung hatten wir Kaffeeflecken an der Tapete, weil er die Kaffeekanne an die Wand geschmissen hatte.
Das Schlimmste waren seine Launen. Schlief man Sonntags mal was länger, bekam man Schimpfe, man sollte doch nicht so faul sein. Stand man am nächsten Sonntag ihm zuliebe dann früher auf hieß es, man solle ihm doch nicht so früh auf die Nerven fallen.
Dadurch habe ich Zeit meines Lebens Probleme mit der eigenen Wahrnehmung. Was bin ich? Wer bin ich? Was will ich?
Fehlentscheidungen, falsche Partner, mangelnder beruflicher Ehrgeiz, häufige Umzüge, Wankelmütigkeit bestimmten mein Leben. Hinzu kamen relativ früh ab ca. 16 Jahre Probleme mit Panik, Agoraphobie und ab 18 kamen noch regelmäßige Migräneanfälle mit Aura hinzu.
Mein Vater gönnte uns Kindern nichts. Bekamen wir zum Beispiel mal ein halbes Hähnchen, schimpfte er mit uns wenn wir uns nur das „weiße Fleisch“ nahmen. Durften sich andere Kinder am Wagen mal ein Eis oder Fritten holen, schauten wir in die Röhre. Es gab nie Süßigkeiten zuhause, es sei denn zu Weihnachten oder Ostern. Dann stürzten wir uns aber darauf und aßen - zumindestens ich - alles schnell leer.
Neue Bekleidung musste meine Mutter heimlich kaufen und in unsere Schränke legen. Er selber leistete sich teure Kameras und uns gönnte er noch nicht einmal einen neuen Mantel. Ich fühlte mich als Kind immer schäbig gekleidet und war neidisch auf Freundinnen, wenn diese etwas Neues bekamen. Heute liebe ich Mode und freue mich wenn ich mir etwas Neues kaufen kann.
Mit 7 Jahren wurde ich von meinem Vater alleine im Wald stehen gelassen. Er musste nur schnell zum Auto zurück und was holen. Ich sollte mich nicht vom Fleck rühren. Ich weiß noch, wie ich mir vor Angst fast in die Hose gemacht habe und stocksteif dort stand mitten im dichten Wald.
Das in einer kindlichen Phase, die sowieso geprägt war von Erzählungen und Märchen vom bösen Wolf und allerlei Schreckensgestalten und voller Phantasie. Ich habe auch viele Jahre vom Wolf als Untier geträumt. Heute weiß ich, dass ich damit von meinem Vater geträumt habe.
Drohung, Angst, Demütigungen waren unsere ständigen Begleiter. Wenn ich heute Kinderfotos anschaue von mir sehe ich die Angst und Schüchternheit förmlich in meinen Augen.
Meine Eltern trennten sich als ich 12 Jahre alt war und der Kontakt zu meinem Vater war bis zu seinem Tod immer nur phasenweise vorhanden. Man konnte gut mit ihm auskommen, wenn man ihm nach dem Mund redete, zu allem Ja und Amen sagte und seinen endlosen Tiraden zuhörte. Streit mit ihm zu bekommen war sehr leicht und deshalb hatte ich ständig Streit mit ihm, über viele Jahre auch gar keinen Kontakt.
Trotzdem habe ich meinen Vater geliebt und es gab auch schöne Sachen. Erinnerungen an Drachenbasteln und Steigenlassen, Fahrradtouren, Urlaube etc sind unauslöschlich in meiner Erinnerung.
Er bastelte für uns Puppenhäuser und fing Feuersalamander, für die er ein Terrarium baute. Wir durften immer Tiere haben und mein Vater ging nicht wie andere in seiner Freizeit in die Kneipe, sondern beschäftigte sich mit seinen Kindern.
Trotz alledem habe ich als Kind sehr gelitten und die Folgen durchziehen mein Leben. Eine generalisierte Angststörung ist mein ständiger Begleiter.
Ich beschäftige mich erst seit kurzem mit dem Thema „Kriegsenkel“ und bin erschüttert wie sehr doch die Beschreibungen der Väter denen meines Vaters gleichen. Der Krieg hat Seelen zerstört.
Leider hat mein Sohn vor ca zwei Jahren auch eine Angsterkrankung entwickelt mit sozialer Phobie und Schulabsentismus. Es geht ihm aber jetzt sehr viel besser.
Ulrike, Oktober 2015

 

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Erziehung zum Neutrum

Ich bin 1960 geboren und nach der Definition von Sabine Bode sowohl ein Nachkriegskind (mein Vater war mit 17 Jahren im Krieg als Soldat), als auch ein Kriegsenkel (meine Mutter war bei Kriegsende 12 Jahre alt). Vieles, das Sie schreiben kann ich bestätigen. Zu diesem Abschnitt möchte ich noch eine Anmerkung machen:

Erfahrung, dass man als Kind und Heranwachsende/r nicht in die Weiblichkeit oder Männlichkeit eingeführt wurde; Mädchen, die als Neutrum erzogen wurden. Dazu unser Erklärungsversuch: Es könnte sein, dass die Kriegserlebnisse die Eltern dahingehend geprägt haben, dass Männlichkeit und Weiblichkeit Gefahr bedeuten. Das „Erziehen“ als „Neutrum“ diente sozusagen unbewusst als Schutz für uns. (aus der Merkmalliste unserer Studie. Anm. ForumKriegsenkel)

Das Gefühl als Neutrum erzogen worden zu sein hat mich lange begleitet. Eine Therapie (wg Raumangst) half mir ein positives Verhältnis zu meinem weiblichen Körper zu bekommen; in den Gesprächen spielte die Erziehung zum Neutrum allerdings keine Rolle. Ich hatte das „Neutrum“- Gefühl sogar vergessen, bis ich den oben stehenden Text gelesen habe. Ich hatte in der Vergangenheit nie den Eindruck, dass es dabei um meinen Schutz ging. Vielmehr um den meiner Eltern. Wenn ich keine Frau bin, dann werde ich nicht heiraten, keine Kinder haben etc., sprich als Gefährte (ähnlich der früheren Haustochter) meiner Eltern ewig da sein und für Schutz sorgen. Insofern stellen „Männlichkeit und Weiblichkeit“ (der Kinder) eine Gefahr für die Eltern dar. Zumindest sehe ich das so.
Monika, Oktober 2015

 

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Jahrgang 1964 – der 80. Geburtstag meines Vaters

Mein Vater, Jahrgang 1935 feiert seinen 80. Geburtstag. Nur mit Mühen kann ich daran teilnehmen. Die grauen Schleier, die tiefe Bedrückung und Lähmung, die mich mein Leben lang überschatten, werden wieder mächtig. Mein Freund begleitet mich – alleine setze ich mich diesen Familientreffen nicht mehr aus.
Durch Zufall oder Fügung bin ich auf ein Buch mit dem Thema „Kriegsenkel“ gestoßen – wenige Tage vor der Feier. Obwohl ich seit meinem 26. Lebensjahr mehr oder weniger in Therapie bin (wegen Angstzuständen, Depressionen, Alkohol- und Drogenmissbrauch, Wochenbettdepressionen Burnout, extrem belastenden Beziehungen, Bindungsunfähigkeit etc. etc.) und inzwischen ein ausgeglichenes Leben führen kann, werde ich von unkontrollierbaren Weinkrämpfen geschüttelt – ich bin direkt und im Innersten betroffen und erleichtert! Ja, ich bin ein Kriegsenkel!
Meine Mutter (Jahrgang 1938) ist bereits vor 9 Jahren mit 68 Jahren verstorben – flüchtlings- und kriegstraumatisiert, depressiv oder hyperaktiv, tablettensüchtig und angstgestört hat sie es erst kurz vor ihrem Tod geschafft, über ihre Erlebnisse zu berichten und begriffen, dass sie ihre Vergangenheit nie hat verarbeiten können. Ich bin froh darüber, dass sie sich vor ihrem Ende noch einmal gezeigt hat: Vieles habe ich verstehen und ihr „vergeben“ können.
Mein Vater wurde in einem Nazihaushalt erzogen und sozialisiert. Nach dem Krieg folgten Hungerjahre und extrem beengte Wohnverhältnisse wegen der Aufnahme von Flüchtlingsfamilien. Mein Urgroßvater hat sich nach Kriegsende das Leben genommen; das Scheitern des Krieges konnte er scheinbar nicht überwinden – vielleicht war er auch als „Täter“ verstrickt. Darüber wurde nie gesprochen. Alles Wissen darüber habe ich in Nebensätzen aufgeschnappt. Erst nach dem Tod meines Großvaters haben wir einschlägige, bildgewaltige Literatur auf dem Dachboden gefunden mit so schönen Titeln wie „Der Führer und die Kinder“ oder „Der Führer und die Olympischen Spiele 1936“ uvm.
Bedeutend für meine Lebensgeschichte ist, dass ich nie wirklich mit mir zufrieden sein kann. Immer fehlt etwas, nie bin ich genug, meine Leistung ist einfach nicht ausreichend. Ich bin eine Getriebene, mir fehlen die Wurzeln, ich bin innerlich nicht zu Hause. Obwohl ich beruflich sogar einigen Erfolg habe (aber immer schön unter meinen eigentlichen Möglichkeiten), kann ich mich und meine Erfolge nicht wertschätzen bzw. boykottiere mich selbst und verhindere ein „Weiterkommen“. Wertschätzung gab es auch zu Hause nicht. Ich war nicht vorhanden, wurde übergangen, habe mich besser „klein“ verhalten – das schien ungefährlich (diese Konditionierung konnte ich bis heute nicht abstreifen). Meine Diplomarbeit z.B. war sehr gut und wurde veröffentlicht: meine Eltern haben die Veröffentlichung einfach ohne Kommentar zur Seite gelegt. Besser, ich hätte einen Arzt oder Anwalt geheiratet. Ich verweigere bis heute die Ehe und habe erst mit 42 Jahren zu einer respekt- und liebevollen Beziehung gefunden.
Mein Bruder (Jahrgang 62) wurde immerhin für seine beruflichen Erfolge wahrgenommen. Von Söhnen wurde dies eher erwartet. Ansonsten war er derjenige, der als Kind unter den unkontrollierten Gewaltausbrüchen meines Vaters zu leiden hatte. Mein Vater war unterschwellig hochaggressiv, nach Außen hin aber immer höflich und hilfsbereit.
Meine Eltern stritten unablässig und es wurde bisweilen auch handgreiflich, es flogen Gegenstände. Mein Bruder und ich lebten in großer Angst.
Für meine Eltern war ich das Problemkind mit den vielen „Störungen“. Als kleines Kind still und in mich gekehrt habe ich jedoch seit meiner Pubertät die Leistung verweigert, wurde ständig krank, habe nicht funktioniert. Mit allen Tricks habe ich versucht, gesehen zu werden. Meiner Mutter war das so anstrengend, dass sie sich buchstäblich im Alkohol ertränkte. Sie hat sich auf ihre Art bemüht, konnte mich aber nicht wirklich emotional wahrnehmen. Dafür hat sich mich bisweilen gehasst und zutiefst abgelehnt. Zu belastend: sie war einfach mit sich selbst beschäftigt. Und gleichzeitig litt sie unter starken Schuldgefühlen, ihren Kindern nicht „gerecht“ werden zu können. Sie hat ihre emotionale Bindungsunfähigkeit spüren können, wusste sich jedoch nicht zu helfen.
Mein Vater hat mich vor einiger Zeit gefragt, ob ich ihn pflegen möchte, wenn er alleine nicht mehr kann. Ich war entsetzt! Wie soll ich diesen Mann pflegen, der eine solche „Schwere“ mit sich trägt bzw. in mir auslöst? Meine Ablehnung hat ihn sehr verwundert: Sind denn Töchter nicht dazu da? Mit schweren Vorwürfen bzgl. meiner Undankbarkeit hat er reagiert. Das macht mich so wütend und gleichzeitig ohnmächtig: Wie kann er dies von mir erwarten? Er, der nie in seinem Leben bereit war, einmal hinter die Kulissen zu schauen. Der seine aggressiven Kräfte ungebremst auf uns Kinder hat prasseln lassen bzw. auf uns projiziert hat. Ich sehe ihn als Kind im Nazideutschland und kann etwas weicher werden. Ich sehe ihn als alten Mann mit all den Verbitterungen, die er an uns Kinder weiter geben will und kann dies nur durchweg ablehnen – auch muss ich mich selber schützen! Es bleibt ambivalent, ich unterdrücke meine Wut auch heute noch, da ich ihn nicht verraten will.
Abschließend: es wird auch „Kriegsurenkelkinder“ geben. Meine Tochter wurde in meine nicht aufgelösten Traumata geboren. Ich war ebenfalls nicht in der Lage, mein Kind ausreichend wahrzunehmen oder zu erspüren was sie brauchte. Auch hatte ich bisweilen Angst, sie zu berühren in dem Glauben, ihr das ganze Unglück, das bis dahin noch keinen Namen hatte, unterschwellig weiter zu reichen. So wurde ich vom „Opfer“ zum „Täter“.
Ein wenig mehr Bewusstheit und Leichtigkeit habe ich inzwischen gefunden – ich hoffe, ich konnte den Knoten ein wenig lockern – auch und insbesondere für meine Tochter!
Sabine, September 2015

 

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Ich war 24

Ich bin Jahrgang 1971, Kriegsenkel, größtenteils aufgewachsen im großelterlichen Eigenheim im Mansfelder Land. Das Thema zweiter Weltkrieg wurde von meinen Eltern (Jahrgang 1934) geschildert als ein Abenteuer, das es zu bestehen galt. Diese Erzählungen prägten mich so sehr, dass ich versuchte, als Zeitsoldat der Bundeswehr auch in den Krieg zu ziehen. Hier sind meine Gedanken zu diesem Thema.
Ideale sind friedlich, Geschichte ist immer gewalttätig. So heißt es in dem Kriegsfilm „Herz aus Stahl“ (Originaltitel „Fury“).
Ich war 24, als der Balkan zum „Schlachthaus Europas“ wurde, so nannte der Nachrichtsender BBC die vom Bürgerkrieg zerrissene multiethnische jugoslawische Region. Wir gaben alles, um diesen Wahnsinn zu stoppen. Aber was bleibt für uns, die wir im Kampfeinsatz waren, nach allem davon übrig außer der zerstörten jugendlichen Unschuld? Für die Toten nur ein schleichendes Vergessen der Taten, die sie machten für höhere Ideale.
Als Teilnehmer am viertägigen Nijmegenmarsch war ich auf einem britischen Soldatenfriedhof in Arnheim. Auf einem Grabstein las ich: „Wir gaben unser Heute – damit ihr euer Morgen habt.“
Maik Kattner, Leserbrief in der Zeitung: „Glaube und Heimat“ Nr. 20 vom 17.05.15 zum Thema: „Reaktionen anlässlich des Kriegsendes vor 70 Jahren“ – Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Autors.

 

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Bei uns war Krieg, zu Hause

Bei uns war Krieg, zu Hause. Ich bin im Krieg aufgewachsen. Der Krieg war beständig präsent in meinem Leben, weil er in meinen Eltern präsent war. Dabei habe ich selber nie einen Krieg erlebt und trotzdem war ich im Krieg zu Hause. Das habe ich mein Leben lang eigentlich nicht verstanden. Wie kann mir etwas so gegenwärtig sein, dass ich doch eigentlich gar nicht kenne? Es war mir auch gar nicht bewusst, für mich war es mein Leben, ich kannte es nicht anders. Erst die letzten drei Jahre ist es mir bewusst geworden und dadurch konnte ich vieles besser verstehen.
Ich wurde 1962 geboren. Meine Mutter 1924, mein Vater 1919. Er hat den ganzen Krieg erlebt, sogar überlebt. Er wurde noch vor Kriegsbeginn als Wehrpflichtiger einberufen. Ich weiß, dass er während der Ausbildung den Flur mit der Zahnbürste putzen musste.
Ich finde es heute schwierig, mir zu erklären, warum er von manchen Erlebnissen viel, immer wieder sogar, geredet hat. Alles andere hat er nicht erwähnt. Ich habe immer wieder dieselben „Geschichten“ gehört. Dazu gehörte, dass er die Gefangenschaft in Frankreich nur überleben konnte, weil er mit den Schweinen zusammen gegessen hat. Also - er hat von dem, was für die Schweine bestimmt war, mitgegessen. Das, was die Schweine bekamen, das war mehr und das war besser als das, was die Gefangenen bekamen. Das hat er öfter erzählt, das gehörte zum „Repertoire“. Auch das Bäume fällen mit dem Maschinengewehr. Das war in Russland am Ladogasee. Um freies Schussfeld zu bekommen, mussten die Bäume weg. Dann kamen die Russen in immer neuen Angriffswellen. Die späten Angreifer konnten Deckung finden hinter ihren toten Kameraden. Es hatte sich ein Wall aus Menschenleibern gebildet, der den Angreifenden Deckung bot.
Als es mir einmal schlecht ging, als Kind oder Jugendlicher, vielleicht war ich 14 oder 13, da hat mir mein Vater erzählt, wie er als junger Mann seinen ersten Schwerverwundeten gesehen hat. Dem hingen die Gedärme aus dem Bauch, er versuchte sie wieder hineinzustopfen, sie in sich zu behalten, aber das ging nicht und furchtbar geschrien hätte er dabei. Damit verglichen würde es mir doch gut gehen. Was auch immer mich belastet - er wollte gar nicht wissen, was es war - das könnte doch nicht so schlimm sein. Dagegen konnte ich damals nichts einwenden. Ich empfand es als normal, dass mir solch eine Geschichte erzählt wurde als eine Art Lebenshilfe. Vielleicht kommt auch daher meine spätere Liebe für Kriegsfilme. Trotzdem hatte diese Geschichte mit meinem Problem nicht das Geringste zu tun. Das war doch keine Antwort auf mein Problem. Es lässt sich doch nicht ein empfundenes Leid dadurch aufheben, dass es noch schlimmeres Leid gibt. Vielleicht hat auch diese Geschichte mitbewirkt, dass ich mich selber nicht besonders gut wahrnehmen konnte. Ich bin es nicht wert, genauer betrachtet und gesehen zu werden. Es ist ja nur eine Kleinigkeit, im Vergleich zum Schlimmstmöglichen. Es fiel mir mein Leben lang schwer, mir selber Aufmerksamkeit zu schenken. Stattdessen sah ich mich in irgendeinem Gesamtzusammenhang, der mein eigenes Leid relativierte. Das hat mir dann irgendwie geholfen. Aber es war, als würde es mich selber, mit meinen eigenen Bedürfnissen gar nicht geben. Meine eigenen Bedürfnisse hatten keine Daseinsberechtigung.
Doch es waren nicht nur Geschichten, es war eher eine Grundeinstellung meiner Eltern, die mich tief geprägt hat. Das ist ein Gefühl von immerwährender Bedrohung. Es kann keine Ruhe geben, keinen Frieden, keine Entspannung, keine Sicherheit. Es ist besser jederzeit auf das Schlimmstmögliche gefasst zu sein. „Fliegeralarm - alles in die Betten.“ Das brüllte mein Vater gern und er fand es wirklich lustig. Ich habe mich dabei jedesmal erschrocken. Wer jederzeit mit dem Schlimmsten rechnet, der wird nicht überrascht. Es ist besser, ich nehme jedes mögliche Unheil schon mal in Gedanken vorweg und bereite mich innerlich darauf vor. Vielleicht ist das einer der Gründe, warum ich auf sehr langen Autofahrten lieber keine Pause machte: Das Auto könnte nicht wieder anspringen. Besser ich mache es nicht aus, denn jetzt fährt es noch, das weiß ich.
Ich habe gelernt, zu ÜBER-leben. Vielleicht könnte sogar auch ich einen Krieg überleben, wie meine Eltern es geschafft haben. Aber ich habe nicht gelernt, zu LEBEN. Ich habe nicht gelernt, wie man ein angenehmes Leben führt, wie man sich das Leben schön macht, wie man glücklich werden kann in seinem Leben und mit seinem Leben. Als ich 50 Jahre alt wurde, da bekam ich eine Ahnung davon, wie es sich anfühlen könnte, ein angenehmes Leben zu führen. Mein Vater hat sich übrigens selbst das Leben genommen, in dem Jahr in dem er 60 Jahre alt geworden wäre. Damals war ich 16. Das war für mich mein Leben lang schwer zu verstehen, wie jemand den ganzen Krieg überleben kann und sich noch mit fast 60 Jahren das Leben nimmt.
Inzwischen lebe ich sehr gerne. Und ich kann mich an meinem Leben freuen. Und lang möchte ich noch leben. Das war ein langer Weg über 50 Jahre. Und ich mag auch keine Kriegsfilme mehr und genieße Pausen auf langen Autofahrten.
Achim G., Mai 2015

 

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Ich bin Jahrgang 1970

Ich bin Jahrgang 1970, meine Schwester 1971 und meine Eltern Jahrgang 1950/51. Vor einem Jahr bin ich auf das Thema „Kriegsenkel“ gestoßen und nun fange ich langsam an, zu verstehen.
Meine Kindheit war geprägt von Pflichterfüllung, Funktionieren, nicht Auffallen, keine Bedürfnisse haben und immer Abwertung der eigenen Person durch die Eltern (meine Mutter war Lehrerin und mein Vater Polizist), Schuld haben für was Unausgesprochenes. Meine Schwester und ich haben zum Glück keine Prügel bekommen, aber wir wurden seelisch kaputt gespielt. Wir mussten die Bedürfnisse unserer Eltern erfüllen, um mehr ging es nicht. Wir hatten einfach nur bedürfnislos zu sein. Meine Mutter war chronisch unzufrieden und viel am rummeckern. Mein Vater ein Alkoholiker und nur am stänkern. Ich erinnere mich, dass ich immer wenn ich z.B. bissel Kleingeld brauchte oder mal ein bisschen Kosmetik oder eine Hose erstmal zu Hause die Stimmung eruieren musste, um dann allen Mut zusammenzunehmen, um danach zu fragen, wenn ich falsch lag, gabs Donnerwetter, wenn ich Glück hatte, keins. Immer wurde dann der Frust über wohl zu wenig Geld, wieso ich was brauche, wieso ich schon wieder was will über mich ergossen. Meine Ansicht dazu hat nicht interessiert und sollte meinerseits auch nicht geäußert werden.
Ein Beispiel, was mir wieder bewusst wird und mir das erste Mal so einiges klar machte. Die ganz schlimmen Sachen habe ich wohl verdrängt, damit ich überleben konnte. In der 2. Klasse war Fasching. Meine Mutter war mal wieder uninteressiert und überfordert und sie besorgte mir kein Faschingskostüm (hätte ja Geld gekostet), sondern flickte so verschiedene Stoffreste auf einen Pullover und setzte mir ein hässliches Omakopftuch auf. Als ich fragte, was bin ich denn... sagte sie, ich soll mich nicht so anstellen, ist doch nur Fasching und dann bin ich eben ein Lumpenmädchen. Ich wusste gar nicht was das ist, merkte aber selbst, dass ich das keinem erzählen kann, weil es wohl nichts Gutes ist wie Prinzessin, Ritter, Prinz, Frosch oder was auch immer. Und so fühlte ich mich auch beim Fasching, klein, nichtssagend, eben das „Aschenbrödel“.
Das ist jetzt son Beispiel, was sich aber noch durch andere in der Form durch mein Leben zieht. „Das steht dir nicht zu“. „Ach, du bist ja nur ne Last“. „Sei doch einfach mit dem bisschen zufrieden“.
Meine Kindheit war anstrengend. Ich merkte das, weil ich mich jetzt mit über 40 so erschöpft fühle vom Leben. Und dabei könnte ich stolz sein auf mein Leben. Habe zwei Kinder großgezogen (mehr alleine als zusammen mit einem Partner), mein Arbeitsleben war und ist abwechslungsreich, bin jetzt seit einem halben Jahr Oma und vom Leben her ein fröhlich eingestellter Mensch. So im Groben kann ich sagen, das Leben war gut zu mir, wenn nicht aber die anderen Sachen sind, die mir langsam auffallen: Dass ich keine Beziehungen mit Männern eingehen kann, ich entscheide mich nie für den netten Mann, immer für den der süchtig ist oder mich eigentlich gar nicht will. Ich kann nicht meine Bedürfnisse äußern, ich kümmere mich bis zur Erschöpfung um andere und wenn ich dann mal äußere, dass ich leider mich nicht kümmern kann, dann sind diese Menschen auch noch eingeschnappt mit mir. Ich ziehe Seelenfresser an. Und dann dieses Gefühl, ich werde immer vergessen oder stehe an letzter Stelle. (Aber das Muster habe ich jetzt zum Glück erkannt.).
Und dann fing ich mal an zurückzuschauen. Und dachte so, nee du hast nicht die letzten zwanzig Jahre Stress gehabt, sondern die letzten vierzig.
Meine Mutter ist heute noch kaltherzig, geizig und weiß gar nicht wie ich im Leben über die Runden komme, interessiert sie nicht. Fragt auch nicht. Sie interessiert sich nur für Kriegsfilme, Kriegsbücher. Mein Vater sitzt den ganzen Tag in seinem Zimmerchen und trinkt. Wenn wir uns mal sehen, muss er immer noch stänkern und abwertende Sachen zu mir sagen wie früher. Beide wollen eigentlich nur ihre Ruhe und hoffen, dass die „Kinder“ bloß nicht aus der Reihe fallen, dass sich in deren Leben bloß nichts ändert.
Ich kann mit meinen Eltern auf einer ganz oberflächlichen Art und Weise umgehen, da ich mich mal mit der Familiengeschichte beschäftigt habe, was geholfen hat, nicht an ihnen kaputtzugehen, sondern ich sage mir, ok. sie sind traumatisiert, sie werden sich nicht ändern.
Meine Mutter hatte eine ganz arme und grausame Kindheit. 4 Geschwister und selbst eine Mutter, die sowas von kaltherzig war, dass mir als Kind schon die Adern zufroren, wenn wir bei dieser Oma zu Besuch waren. Aber eben diese Oma lebte als Jugendliche 200 m von einem Frauen-KZ (welches von 1944 bis Kriegsende dort in dem kleinen Städtchen „eingerichtet“ wurde), was ich erst letztes Jahr recherchiert habe. Es gibt sogar ein Büchlein darüber und was ich las, erschütterte mich. Natürlich ahnte ich dadurch, was meine Oma durchlebte und warum sie ihr Leben lang so war, wie sie war. Nun kann ich vieles besser einordnen und habe meinen Frieden damit gemacht.
J.T., Februar 2015

 

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Leider zu spät

Seit einigen Jahren arbeite ich - nach einer eher naturwissenschaftlichen Karriere - mit Flüchtlingen in Australien. Durch meine enge Zusammenarbeit mit Psychologen und Counsellors kam ich zum ersten Mal mit dem Konzept des „transgenerational Trauma“ in Kontakt. Kürzlich hatte ich ein Gespräch mit einem meiner Klienten - ein Flüchtling des Genozids in Ruanda - der sehr besorgt um die „mental health“ seiner Kinder war. Ich habe mit ihm darüber gesprochen, wie eigene Kriegserfahrung als junger Mensch an seine Kinder weitergegeben werden kann und habe arrangiert, dass er einen unserer Counsellors trifft um mehr darüber zu erfahren und möglicherweise Strategien zu finden, damit besser umzugehen.
Seltsamerweise - obwohl ich nun in diesem Bereich seit fünf Jahren arbeite - ist mir dann zum ersten Mal bewusst aufgegangen, dass ja auch ich selber ein Kind von Eltern und Großeltern bin, die einer Vielzahl von Kriegstraumata ausgesetzt waren. Ich bin 1963 geboren. Dies hat mich dazu angeregt im Internet zu forsten, ob mittlerweile auch in Deutschland angekommen ist, dass sich vergangenes Kriegstrauma auf unsere Gesellschaft massiv ausgewirkt hat. Dabei bin ich auf Ihre Webseite gestoßen.
Obwohl mir seit längerem bewusst war, dass meine Eltern und Großmütter traumatische Erlebnisse mit sich trugen, so war mir doch nie in den Sinn gekommen, dass dies auch mich betroffen hätte. Leider kommt diese Erkenntnis ein wenig zu spät um ein verkorkstes Familienleben auf konstruktivere Füße zu stellen und all die abgebrochenen Brücken in meinem Leben wieder aufzubauen.
Was mich ärgert: Da sind wir, eine Generation von kinderlosen Frauen, jahrelang als egoistische, karrieregeile Feministinnen beschimpft worden. Dabei sind wir in Wirklichkeit Teil einer traumatisierten Nation von Männern und Frauen, die unfähig sind, Bindungen einzugehen. Eigentlich ist eine Entschuldigung seitens gewisser politischer Kreise fällig.
Erstaunlich auch, wie lange die akademische Szene der Psychologen und Soziologen das Thema Kriegstrauma in Deutschland schlicht übersehen hat. Zu „wissen“ hätte mir vieles leichter gemacht - und hätte vielleicht zu weniger „Brückenabbrüchen“ geführt.
Ute, November 2014

 

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Das Denkarium

Diesen Text habe ich im vergangenen Jahr geschrieben, doch erst vor einem Monat bin ich auf das Thema Kriegsenkel aufmerksam geworden. Ich habe kein einziges Wort im Nachhinein verändert und finde es frappierend, wie sehr ich in dieses „Raster“ passe. Das gibt mir eine gewisse Bestätigung, befreit mich aber leider nicht von meiner großen Wut... auf wen eigentlich...? Nun der Text:
Ich beginne diesen Text mit einem Fazit: Ich will nicht für das Glück meiner Eltern verantwortlich sein, weil ich ein Recht auf meine eigene seelische Unversehrtheit habe.
Das meine ich so, mich beschäftigt das Thema jedoch so sehr und tagtäglich, daß ich den Versuch machen möchte, meine Gedanken aufzuschreiben, um mich eventuell von ihnen lösen zu können. Ein „Denkarium“ wie in Harry Potter zu haben, wäre gut.
Meine Mutter ist manisch depressiv seit ich denken kann. Als ich vier Jahre alt war, hatte sie einen schweren Nervenzusammenbruch, so nannte man das damals, kam nicht mehr aus dem Bett und weinte stundenlang laut vor sich hin. Bindung und Urvertrauen - Fehlanzeige.
Meinen Vater habe ich zu Hause nur als cholerisch erlebt, meine Erinnerungen sind geprägt von Angst und Schuldgefühlen meinerseits, weil ich nicht helfen konnte und dem Wunsch, trotzdem normal zu leben.
Meine Dankbarkeit meinen Eltern gegenüber „beschränkt“ sich darauf, daß ich materiell alles hatte, was ich für meine Entwicklung brauchte, mein Hobby Musik wurde voll unterstützt, obwohl das Interesse an der Sache sich in Grenzen hielt, was aber nie ein Problem für mich war. Meine schlimmsten Erinnerungen bis ins Teenageralter von 18 Jahren waren stundenlange Brüllereien meines Vaters, der sich in Vorwürfen an meine Mutter erging und jeder kleine „Fehler“ von ihr konnte diese Explosionen auslösen, eine dumme Frage reichte schon. Anfangs stritten sie sich noch, nach Jahren der Zermürbung gab es nur noch einseitige Hasstiraden. Worum es ging, konnte ich im Grunde nicht verstehen als Kind, da es oft aber vordergründige Nichtigkeiten waren, vermutete ich, daß auch ich selbst solche Fehler machte und nur nicht so angebrüllt wurde, weil ich noch ein Kind war. So etwas führt zum Wunsch und der Anstrengung ein perfektes Kind sein zu müssen, um wenigstens nicht auch noch Anlaß für Stress zu sein. Ich war immer eine Bestschülerin, das war auch ein Halt und die Bestätigung tat mir gut, also nicht von Nachteil, Abitur mit 1,2, Studium ähnlich. Die Schulen, besonders die Musikschule, gaben mir ein auch emotionales Zuhause, zum Glück hatte ich sehr gute Lehrer, obwohl ich mich jetzt frage, ob die Zuneigung nicht mehr meinen Leistungen galt. Die Arbeitsmoral habe ich eindeutig von meinem Vater übernommen, auch nicht ganz schlecht.
Ich habe mich sehr viel nach außen orientiert, um Normalität zu spüren. Da wir auf dem Land leben, gab es eine viel größere soziale Kontrolle im Umfeld. Das heißt, es war (auch mir) immer wichtig, was die Leute denken könnten. Wenn meine Mutter manische Phasen hatte, lief sie im Dorf herum und erzählte z.T. fremden Leuten von ihren Problemen. Ich war das Kind von „der Verrückten“ und mußte das durch angestrengte Normalität, Erfolg und Seriosität ausgleichen, weil ich auf keinen Fall auch so stigmatisiert werden wollte. Mir war das oft so peinlich, heute tut es mir fast leid dafür.
Mein Vater war nach außen immer der Macher, zu Recht einerseits, andererseits fragte er sich nie, warum meine Mutter nicht funktionierte, wie er wollte. Die cholerische Art brach allerdings manchmal in der Öffentlichkeit durch, ich erinnere mich jetzt nur an ein Beispiel aus der Schule: Es wurden von einigen Rabauken die Ranzen umhergeworfen, mein Vater hat meine Klassenlehrerin (25 Jahre alt) so zusammengefaltet, daß sie völlig gelähmt und sprachlos war, ich war nicht dabei, aber sie hat mich am nächsten Tag zur Seite genommen und fast geweint, weil sie es unbedingt los werden wollte, so schlimm war das für sie. Ich konnte ihr vor Scham nicht mehr in die Augen sehen und habe daraus gelernt, zu Hause nichts mehr von meinen Problemen zu erzählen. In der Pubertät war ich einfach nur ruhig nach außen hin und habe innerlich gemotzt.
Verdammt, ich war oft traumatisiert!!!!! Nicht zu merken, wie es mir als abhängiges Kind ging, das verstehe ich einfach nicht. Sei nicht so maulfaul! eine Anweisung meines Vaters, als ich mit Kloß im Hals kurz vor dem Weinen am Abendbrottisch saß. Übrigens habe ich eine Abneigung gegen fast alle Speisen aus meiner Kindheit, das ist ein interessanter Zusammenhang. Ich habe auch oft stundenlang in meinem Zimmer geweint und fieberhaft überlegt, wem ich mich anvertrauen, wer mir irgendwie helfen kann, wie ich da raus komme. Aber es gibt über den Eltern keine übergeordnete Instanz, die einen da rausholt, das war mir klar, meine Parole hieß durchhalten und unabhängig werden. Eine klare Regel, die ich für mich aufgestellt habe und hinter der ich bis heute stehe, ist, finanziell nicht abhängig zu werden, in die Familienfalle zu geraten und mich von einem Mann demütigen zu lassen, ich habe all das geschafft und einen wunderbaren Partner gefunden.
Familie ist für mich auch ein ambivalenter Begriff. Geborgenheit und bedingungslose Liebe habe ich so nicht gespürt, sicher war da etwas in dieser Richtung vorhanden, ich habe mich aber zu einem vorsichtigen, distanzierten Kind entwickelt. Als Berufsmusikerin bin ich sowieso exotisch und nicht zu verstehen, wie man so unplanbar leben kann. Die Verhältnisse haben sich aber auch in seriösen Berufen mittlerweile angenähert.
Unsere Familie ist durch ihre Geschichte der Vertreibung aus der alten Heimat Bukowina sehr eng geblieben, Leute von außen kamen da schwer rein, es wurde und wird viel über die „Heimat“ gesprochen und idealisiert. Für mich war das ein nie richtig ankommen in der neuen Heimat, das hat mich genervt. Meine Familie erlebte ich auf Geburtstagsfesten immer so, daß z.B. über alles hauswirtschaftliche stundenlang geredet wurde, aber nie über wirkliche Probleme, über Gefühle oder Beziehungen. Jetzt sehe ich das etwas gelassener, obwohl ich immer noch platzen könnte, weil einfach die wichtigen Dinge des Lebens, die vielleicht persönlicher und aufwühlend sein könnten weggedrückt werden, weil scheinbar das Wetter viel wichtiger ist.
Ich habe leider immer noch nicht den Mut gefunden, meinen Vater oder besser noch meine Tante zu fragen, wie das mit der Krankheit meiner Mutter angefangen hat, so etwas ist doch nicht angeboren, was hat sie erlebt? Diese Generation hat Probleme und Erfahrungen, die ich nicht kenne, weil niemand mit mir geredet hat, wahrscheinlich wäre ich einfühlsamer mit meinen Eltern, wenn ich etwas wüßte, so habe ich nur die Auswirkungen ertragen müssen. Ein verpfuschteres Leben, als das meiner Mutter, habe ich noch nicht erlebt. Ich denke, daß die späte nicht mehr erwartete Schwangerschaft mit mir sie gebrochen hat. Vielleicht wollte sie meinen Vater verlassen und hat es dann wegen des Kindes nicht gewagt, obwohl das für eine Frau in der DDR gut möglich war, alleinerziehend zu leben. Also wieder ein Selbstvorwurf an mich. Die katholische Kirche spielt mit ihrer Moralkeule sicher auch eine Rolle. Eine miese Ehe muß trotzdem durchgehalten werden. Das Leben wird nach den Aussagen meiner Verwandten ausgehalten, bis man es „geschafft“ hat. Wenn ich das höre, frage ich mich, ob sie eigentlich gern leben oder die Zeit nur abwarten.
Wenn ich mit mir hadere, warum ich meine Eltern so abblocke, kann ich nur sagen, daß das mit meinen tiefsten Gefühlen zu tun hat, ich möchte sie nicht berühren, ich finde es anstrengend, Liebe zu heucheln und tue es auch nicht, weil ich es nicht kann. Was ich tue ist, möglichst freundlich und unverbindlich zu sein, Hilfe zu geben, die den Haushalt betrifft und Behördengänge, sachliche materielle Hilfe zu geben, weil das auch die Art war, wie meine Eltern mit mir umgingen.
Einiges von dem, was ich geschrieben habe, scheint oder ist ungerecht, aber ich fühle so und kann mir andere Gefühle nicht einpflanzen, wenn sie nicht da sind. Ich finde es in Ordnung, ein Kind so ins Leben zu entlassen, dann aber ohne moralische Verpflichtung. Mir selbst würde es gut tun, getrennte Wege zu gehen.
Isolde, geb. 1970, August 2014

 

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Meine Geschichte als Kriegsenkel

Gestern besuchte ich eine örtliche Bäckerei, in der täglich ein Mann Ende 50 herumsitzt und Kontakt sucht. Er wollte etwas loswerden über die frühere Elterngeneration: Sie hätten 1 bis 2 Lieblingskinder gehabt. Den Rest hätten sie verprügelt.
Prügel habe ich Zuhause und auch (manche glauben es mir nicht) in Kindergarten und Schule erhalten. Meine Schwester, geb. 1972, war das Lieblingskind - schöner, schlanker, sportlicher - so erklärten sie es mir!
Irgendwie bin ich dann, als ich mich im Internet mit dem Thema geprügelte Generation beschäftigen wollte, auf die Kriegsenkel gestoßen. Es hat sofort Klick gemacht!

Im vergangenen Jahr glaubte ich einen Erklärung für das Verhalten meiner Mutter gefunden zu haben, weil ich mich mit dem Thema Asperger Autismus beschäftigte. Sie ist teilnahmslos, macht einfach ihr Ding, Pauschalreisen nach Ägypten, sterile, praktische Einrichtung (keine Pflanzen oder Deko…), hat ihren Tagesplan, den sie nicht ändern will. Z.B. wollte sie uns nicht ihr Auto leihen, als wir in Not waren, da sie es in ihrer Garage stehen haben will. Es gibt keine Flexibilität, Spontanität oder Kreativität. Ich habe das Gefühl, sie nimmt andere Bedürfnisse gar nicht wahr oder empfindet sie als störend.
Nun bin ich auf die wahrscheinlichere Variante - dass ich nämlich eine Kriegsenkelin bin, gestoßen.

Meine Mutter war das letzte und dritte Kind, geboren 1938. Ihr Vater fiel 1940. Sie lebte fortan mit ihren Geschwistern, Mutter und Großmutter in einfachen Verhältnissen auf dem Land. Die Geschwister heirateten früh, so dass sie in den Genuss kam, 10 Jahre alleine mit meiner Oma zu leben. Diese Zeit, so sagt sie, war die Schönste ihres Lebens!
Dann war ich unterwegs, sie heiratete meinen Vater, der „mit einem Korb Äpfel“ einzog. Er ist 1935 geboren, ältester Sohn. Sein Vater war nicht im Krieg, stattdessen bei der Eisenbahn. Mein Vater hatte ein sehr distanziertes Verhältnis zu seinen Eltern. Die Begegnungen waren förmlich und fanden nur an deren Geburtstagen und an Weihnachten statt. Ich musste unter Zwang mit. Sonst weiß ich so gut wie nichts über ihn, er erzählte nichts, wir hatten keine Zeugnisse, Bilder o.ä., die wir von meiner Mutter hatten. Seine jüngste Schwester zeigte mir einmal ein Bild, auf dem er neben einem Pater stand - schwer zu sagen, ob er in einer Erziehungsanstalt oder einem Internat war. Mit ihm konnte ich gar nicht reden, er war gleich aggressiv, jähzornig, litt unter Magenschmerzen…

Kurzum, ich war ein einsames Kind.
Die ersten sechs Jahre war meine Oma noch da. Sie starb als ich gerade in die Schule kam. Ich glaube, sie hat mir einige Liebe mitgegeben. Dann war ich mit meinen Eltern alleine und meine Schwester bald da. Meine Mutter meinte „wenn doch endlich das Kind da ist und die Arme ausstreckt“ wäre sie über den Verlust der eigenen Mutter hinweg. Dass ich da war, schien keinen zu interessieren, auch nicht, dass ich auch jemand verloren hatte.
Ich musste alleine klarkommen, traf meine eigenen Entscheidungen. Nur, wenn das jemand störte, gab es Prügel. Meinen Vater hasste ich aufrichtig und sprach nur das Nötigste mit ihm. Meine Mutter machte mich teilweise zur Komplizin, stand aber nicht zu mir. Um meine Schwester kümmerte ich mich schon früh mit, sie sollte es besser haben.
Ich war nicht blöd, aber an meiner Bildung bestand kein Interesse. Mein Vater wollte mich in die ortsansässige Schuhfabrik schicken.
Eigentlich wollte ich früh ausziehen, war aber nicht selbstbewusst genug, woanders neu zu starten. Ich machte Abitur und studierte auf dem schnellsten Weg Sozialarbeit und stand dann mit 21 finanziell auf eigenen Füßen. Das war nötig, weil meine Mutter sich immer beklagte, was wir alles kosten würden. Eigentlich wäre ich gerne mal für einige Zeit ins Ausland gegangen oder hätte gerne Medizin studiert.

Danach lebte ich nicht mehr Zuhause sondern in ein paar unheilvollen Beziehungen. Ich hatte keinen Hafen, wo ich hinkonnte, wenn es mir schlecht ging. Ich konnte meine Eltern nicht belasten. Gesprochen habe ich wenn dann nur mit meiner Mutter, aber die sagte dann, sie könne davon nicht schlafen, also hab ichs gelassen.
Viele Jahre litt ich an ungewollter Kinderlosigkeit - auch damit konnte ich mich nicht ausheulen. Bei der sehr schwierigen Trennung von meinem ersten Mann schlief ich in einem Hotel.
In meiner zweiten Ehe nahmen wir 3 Pflegekinder auf. Ein Kind verstarb unerwartet - das Schlimmste, was je in meinem Leben passiert ist. Auch hier kein Trost, eine Karte mit 50 Euro! Mein Mann erlebte einen Unfall, bei dem einem Mann der Schädel zerquetscht wurde. Meine Mutter: „Hast du noch nie einen Toten gesehen?“
Meine Eltern leben noch und sind zusammen, wenngleich ich das Verhältnis nie als nahe empfunden habe. Ich bin Christin geworden und versuche mich in Vergebung ihnen gegenüber zu üben - ich versuche es aus der Distanz. Ihre Nähe und wie sie mich immer noch behandeln, kann ich nicht ertragen.
Andrea Anna, geb. 66, Juli 2014

 

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Geboren 1962

Eine Zeit, die für die Kinder des Krieges in der Tat nicht leicht war. Zeit der Orientierung, des Neuanfangs und der ständigen Auseinandersetzung mit radikalen Umstrukturierungen in vielen Bereichen!
Und sicherlich keine TOP-Zeit für einen kleinen, lebhaften Menschen wie mich, der in diesem Jahr geboren wurde. Und das obwohl es eigentlich keinen Platz mehr für mich gab.
Die Welt ist bunt, die Welt ist rund…und…ALLES wird gut! So die Gedankengänge, wenn es mir an wenigen Tagen schlechter ging als an den anderen. Nur…diese Tage haben im Laufe meines Lebens erheblich zugenommen und ich konnte es mir selbst nie wirklich überzeugend erklären. Letztlich schob ich immer irgendetwas einigermaßen Plausibles vor und kam damit zurecht…bis zu einem gewissen Punkt.

Die Geburtsdaten meiner Eltern: Mutter 1923, Vater 1918. Also kann ich mit Fug und Recht behaupten, dass ich ein Nachkömmling war; so wie mein Bruder vorher schon, der 1956 das Licht der Welt erblickte und damit schon einen geraumen Abstand (körperlich wie auch emotional) zu mir hatte.
Zu viert lebten wir in einem Einfamilienhaus (oberste Etage) auf dem Land und damit etwas beengt, weil ein anderer Bruder das Erdgeschoss mit seiner Familie belegte. Zwei weitere Geschwister waren bereits ausgezogen. Ich teilte mir mein Zimmer mit dem eben beschriebenen Bruder und wir verbrachten die Nächte (sehr zu seinem Leidwesen) in einem gemeinsamen Bett.
Über Krieg wurde in unserer Familie fast nie geredet. Vater war Flugzeugführer und Mutter im „Bund Deutscher Mädels“ gewesen. Erst im Erwachsenenalter erfuhr ich einige wenige Details, die aber immer beschönigt wurden, weil...unsere Familie war immer perfekt (zumindest nach außen hin). Bei uns wurden keine Fehler gemacht! Bei uns war die Welt voller Sonnenschein. Bei uns gab es nie Streit und bei uns war „Pleasantville“ pur.

Meine Gefühle zu der Zeit damals, die ich heute noch nachempfinden kann und mich begleiten:

- Angst vorm Alleinsein, ...denn meine Geschwister waren schon so weit weg und halfen mir nicht.

- Angst vorm ungeliebt sein, ...denn ich suchte ständig nach Aufmerksamkeit und löste damit kleine Katastrophen aus.

- Angst vorm Verlassen werden, ...denn ich sorgte mich unbewusst ständig um das Wohl meiner Eltern, obwohl sie sehr streng waren.

- Angst vor meiner Mutter, ...denn sie strafte häufig und sehr schmerzhaft.

- Angst vor meinem Vater, ...denn er musste umsetzen, was Mutter ihm berichtete/mir androhte.

Wenn ich heute so zurückschaue und mir viel Zeit dafür nehme, dann tauchen viele Begebenheiten plötzlich wieder auf, die mein Unverständnis schüren und die Reaktionen meiner Eltern auf mein Verhalten für mich nicht wirklich erklären lassen.
Warum wurde ich einerseits geliebt und dennoch ständig bestraft, nur weil ich mich genauso verhielt wie andere Altersgenossen?
Warum wurden meine Fragen zu Sexualität, Kirche oder dem Krieg immer negiert bzw. als verboten abgetan?
Warum gab es keine warmherzige Körperlichkeit zwischen meinen Eltern?
Warum war alles tabu, was nur in kleinster Weise den Anschein erwecken konnte, in unserer Gesellschaft als negativ eingestuft zu werden?
Fragen über Fragen, die mir keiner mehr beantworten kann, weil meine Eltern zwischenzeitlich beide verstorben sind.
Fakt ist, dass ich die Erziehung meiner beiden Töchter völlig anders angelegt hatte. Es war quasi eine 180grad-Wende zu dem was ich erlebt hatte und das Feedback ist mehr als positiv, warmherzig und kommunikativ. Von dieser Warte aus habe ich etwas Positives aus meiner Vergangenheit gezogen, worauf ich ein wenig stolz bin, mich aber von meinen eigenen Ängsten nicht befreit, die mich immer wieder einholen.
Wie oft ertappe ich mich dabei mir zu sagen, dass das ein oder andere Glück mir eigentlich nicht zusteht. Dass die eine oder andere Entscheidung mehr angepasst an gesellschaftliche Strukturen sein müsste, obwohl es niemanden etwas angeht. Dass ich meine Körperlichkeit nicht offen ausleben darf, weil jemand daran Anstoß finden könnte. Dass ein gewisser „Gott“ mir immer auf die Finger schaut, egal was ich tue und die gerechte Strafe schon noch kommen wird.
Ich bin glücklich (wieder) verheiratet und habe eine sehr verständnisvolle Frau (46), die so ganz anders aufgewachsen ist als ich und diese Art von Ängsten gar nicht kennt. Wir sind beide gut situiert und die Welt könnte eigentlich immer schön sein. Nur immer wenn es am schönsten ist, frage ich mich, ob das alles auch so sein darf?
Seinen Höhepunkt hatten all diese Infragestellungen vor etwa drei Jahren. Ich habe es nur schleichend bemerkt, dass etwas ganz und gar nicht stimmte mit mir. Krankheitssymptome wie ständiger Durchfall, Magendruck und Gehetztheit begleiteten mich immer öfters. Ich war unzufrieden mit meiner Arbeitsleistung (manchmal bis zu 16 Stunden am Tag), hatte Angst vorm Versagen und die kleinste Kritik stürzte mich in Depressionen.
Schließlich quittierte mein Körper die ganze Situation mit einem heftigen Burnout, aus dem ich lange nicht herauskam.
Ich habe mein Leben nunmehr vollkommen umgekrempelt, mögliche Stressoren beseitigt, ein anderes Arbeitsfeld angenommen und bin eigentlich wieder glücklich...eigentlich.

Es ist ein Rest geblieben und ich arbeite daran, aber es ist nicht leicht. Ich bin zu der Überzeugung gelangt, dass ich meinen Eltern nichts vorwerfen möchte; sie hatten auch ihr Päckchen zu tragen, aber ich distanziere mich immer weiter von ihnen, insbesondere von meiner Mutter.
In der Hoffnung, meine Ängste doch noch irgendwann los zu werden, arbeite ich weiter an mir.
Achim O. November 2013

 

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Neuer Beitrag

Ach, wie tröstlich ist es, sich einer Familie anschließen zu können, die sich zwar nicht persönlich begegnet ist, sich aber möglicherweise besser kennt als den jeweils eigenen Freundeskreis! Als Kind hatte ich die Vision, die alten Grenzen Deutschlands wieder herstellen zu können, wenn ich mich vor dem Brandenburger Tor dafür opferte, Selbstverbrennung schwebte mir vor. Dann wäre Omi wieder glücklich und die Familie könnte zurück in die Heimat. Omi sprach nicht, sie zeigte irgendwie die Trauer, ohne dass ich mich schuldig fühlte, bei Mutti fühlte ich mich schuldig. Keine emotionale Nähe zur Mutter, wie bekannt mir das vorkommt. Mich und meine Bedürfnisse nicht wahrnehmen dürfen, wie gut zu lesen, dass es anderen auch so geht. Heimatlos sein – genau. Ich habe immer weinen müssen, wenn ich von Polen oder Pommern gesprochen habe, bis in die jüngste Vergangenheit. Dann habe ich ein Buch geschrieben und meine Gefühle, meine Bindungsprobleme, die ganze Verstrickung einfließen lassen. Das hat mir geholfen.
Ich danke allen, die sich auf dieser Seite gezeigt haben.
E.K., Oktober 2013

 

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Martin Schiffel (*1966): Die seelischen Trümmer (nach den bionischen Kriegen), 2012
Aquarell, ca. 21 x 30 cm

 

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Emotionales Vakuum

mit Erleichterung bin ich auf dieses Forum gestoßen und möchte auch meine Lebensgeschichte erzählen.
Ich bin im Jahr 1961 geboren. Meine Eltern waren 11 und 13 Jahre alt, als der Krieg ausbrach. Beide lebten in einer Stadt mit viel Industrie. Mehrfache Bombenalarme waren an der Tagesordnung.

Mein Vater wurde mit 16 Jahren eingezogen, wurde Flakhelfer. Am Ende des Krieges wurde er gefangen genommen und verbrachte zwei Jahre in einem Kriegsgefangenenlager im europäischen Ausland. Anschließend wurde er als Zwangsarbeiter bei Bauern eingesetzt. Mit 21 Jahren kehrte er zurück.
Meine Mutter wurde ausgebombt, verschüttet, gerettet, evakuiert. Auf der Heimfahrt erlebte sie einen Angriff von Tieffliegern, der den Zug beschoss.

Meine Eltern waren freundliche Menschen aber emotional nicht zugänglich, insbesondere nicht für kindliche Not. Weinende Kinder waren eine Bedrohung. „Was ist denn mit Dir los? Stell Dich nicht so an!“

Meine Kindheit habe ich in Schwere verbracht, ein bleiernes Vakuum schien uns zu umgeben. Ich wurde depressiv, begann, mich zu hassen, hielt mich für die Ursache der Schwere. Mit 16 Jahren beging ich einen Selbstmordversuch, den meine Eltern als „jugendlichen Blödsinn“ einstuften. Undenkbar, dass echte Not dahinter stecken könnte. Mit Ende 20 begann ich wegen starker sozialer Ängste Therapie, die mir sehr half. Es folgte eine stabile Phase mit Familiengründung, beruflichem Erfolg.

Im Jahr 2011 schließlich erlitt ich einen burn out und wurde von Erinnerungen aus der Kindheit überflutet. Ich verließ die Psychiatrie mit der Diagnose „komplexe posttraumatische Belastungsstörung“, bin derzeit berufsunfähig und versuche, gesund zu werden.

In der Therapie wird deutlich, dass ein Deckel auf der Familie lag. Angst durfte man nicht haben. Meine Eltern erzählten zwar von ihrer Kriegskindheit, aber ohne jede emotionale Beteiligung.

Und es scheint so zu sein, als sei es mein Part, die Angst, die meine Eltern verdrängen mussten, das Entsetzen vor dem unsagbar Bösen, in dem ihre kindliche Welt versank, zu fühlen und zu überwinden. Die seelischen Trümmer habe ich wegzuräumen. Das Trauma ist bei mir gelandet und vielleicht auch bei meinen Kindern.
Y., Juli 2013

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Befreiung

So viele schöne Texte, so viele Ähnlichkeiten, so viel Leid und doch so viel Zuversicht!

Bin Jahrgang 1958, geboren in Berlin (West). Habe in den letzten Jahren mehrere „Brüche“ in meiner Biographie gehabt. Zweimal aus dem Job geschmissen, mühsam wieder auf die Füße gefallen. Habe trotz jahrelanger Psychotherapie und „Werkstatt Psychologie“ nicht das Gefühl gehabt, beim Ursprung meiner Störung angekommen zu sein. Irgendwann habe ich mir dann gedacht, Du bist einfach „spinnert“. Dauernd NS-Vergangenheit nacherleben wollen, in deutschen Städten nach Einschusslöchern in Fassaden, Luftschutzbunkern oder kriegszerstörten Baulücken Ausschau halten, hatte mir noch vor wenigen Monaten mehrere Hefte „Der Landser“ gekauft! Die letzten hatte ich als Kind gelesen. War immer wieder fasziniert von Berichten über die NS-Zeit. Hab oft auf Wikipedia ganze Schlachten von der Ostfront nachgelesen. Wünschte mir so sehr, dass das nun fast 70 Jahre nach dem Krieg endlich einmal aufhören würde. Habe dann nach und nach an Lebenskraft verloren. Mehrmals stand ich ohnmächtig vor mir und wollte einfach nicht mehr weiter. Doch so von einer Eisenbahnbrücke springen, konnte ich dann doch nicht. Bin in letzter Zeit immer anfälliger für Krankheiten geworden. Vor allem die innere Anspannung mit krampfartigen Bauchschmerzen, den total verspannten Schultern und vielen Erkältungen haben mich richtig ausgezehrt. Wenn ich dann manchmal nachts wegen der Bauchkrämpfe in der Notaufnahme endlich am Tropf der Schmerzmittel hing, ging es mir schlagartig wieder gut. Kaum war die Nadel in der Vene, entspannte sich alles. Der Arzt sprach schon mal von einer Wunderheilung. Organisch war ja nie was festzustellen. Wo kommt das alles nur her?

Leider fand ich auch keinen Anknüpfungspunkt mehr für Tränen. Auch wenn ich wieder einmal mit dem Leben und mir haderte, Tränen wollten einfach nicht fließen. Entspannung wollte sich nicht einstellen.

Bis vorgestern!

Da war ich mal wieder erkältungskrank und zu Hause. Auf der Internetseite der ARD fiel mein Blick zufällig auf eine vergangene Sendung vom Kulturradio RBB. „Ich gegen mich – der heimliche Krieg gegen sich selbst“. Das sprach mich an. Schon bei den ersten Aussagen im Intro hatte ich das Gefühl, dass jedes Wort auf mich passte. Von meinem Sohn ließ ich mir die Sendung im mp3 Format auf den Rechner runterladen und „besitze“ so nun den Inhalt. Er kann mir nicht mehr wegfliegen! In der Sendung hörte ich gegen Ende etwas von einem offenen Erzählcafe für Kinder von Kriegskindern. Bei dem Begriff „Kriegsenkel“ wurde ich sofort hellhörig. Ich hatte zwar vor einiger Zeit das Buch von Sabine Bode „Die vergessene Generation“ über die Kriegskinder gelesen, mich darin aber nicht richtig wiedergefunden. Insoweit war ich wie elektrisiert, dass das Thema Kinder der Kriegskinder tatsächlich existierte. Ziemlich schnell war ich dann beim „Forumkriegsenkel“ gelandet und schon bei den ersten Lebensgeschichten waren sie dann endlich da, die Tränen. Ich heulte so befreit und erlöst und bekam unmittelbar wieder Lebenskraft. Manch eine Lebensgeschichte war so ganz die meine, und den Text von „Ambiguous loss“ hätte genauso ich schreiben können!
S.G., Juli 2013

 

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Der Krieg und seine Enkel

Alles, was ich bisher bei Ihnen gelesen habe, kann auch ich 100% nachempfinden. Dieses „Repetieren von Geschehenem“, die Reinszenierung von Flucht, immer wieder bei „null anfangen“, häufig Umzüge, ich bin innerhalb von 10 Jahren 12 mal umgezogen. Es ist wie eine Sucht. Immer wieder neu anfangen, nur nicht ankommen, sich nur nicht „schuldig“ machen, an der vorherigen Generation.
Auch mit Beziehungen handhabe ich es so und bin mittlerweile ein echter „Beziehungskrüppel“. Keiner darf mir zu nahe kommen.
Einer schreibt im Forum: er/sie lebt auf dem Land, um im Kriegsfall versorgt zu sein. Auch diese Form von Gedanken kenne ich. Ich habe mir überall in Europa ein Freundesnetz zusammengestrickt, wohin ich „fliehen kann, falls der Krieg ausbricht“. (Absurd in der heutigen Zeit, aber sei es drum).
Es ist doch verrückt, dass so viele derselben Generation dasselbe tun. Wie getrieben, und ohne je den Schmerz und das Leid erlebt zu haben, nur um den Menschen ihrer Familie, die aus dieser Generation stammen, „nah“ zu sein. Wie um sich von der Gnade der späten Geburt „reinzuwaschen“. Ist es nicht absurd, im Frieden und im Wohlstand ein Drama um sich herum aufzubauen, um den eigenen Eltern näher zu sein? Ihr Leid nachzuempfinden? Und doch allzu menschlich.
All dies überwältigt mich, es kommt so geballt. Ich war mir bisher nicht bewusst, dass es so viele Menschen gibt, die so ähnlich empfinden und sich mit diffusen Ängsten und Depressionen quälen, die „irgendwie nicht zu ihnen gehören“. Es ist erleichternd und erschreckend zugleich. Aufwühlend und tröstend. Gerne möchte man sie alle treffen und ihnen zurufen: „Hey, Jungs und Mädels, mir geht's genauso wie Euch!“ Und gemeinsam mit ihnen darüber lachen und gemeinsam mit ihnen darüber weinen!
Endlich bin ich nicht mehr allein. Endlich bin ich nicht allein „verrückt“, sondern es ist ein Phänomen. Ein zeitliches Phänomen. Die Zeit ist „verrückt“. Und es scheint an der Zeit zu sein, dass sich immer mehr Leute damit auseinandersetzen und das ausleben müssen. Es aus sich herauslassen müssen. Aus dem eigenen Leben. Um es „leichter“ zu gestalten und nicht immer noch die schwere Last der vergangenen Generation mit sich zu tragen.
Sabine S., April 2013

 

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Stefan Kraft (*1966): ohne Titel (Ich soll...), 1993
Dispersionsfarbe, Schultafellack und Ölkreide auf Nessel, 100 x 400 cm, © VG Bild-Kunst, Bonn 2013

 

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Ein Satz mit fatalen Folgen

Als Kind und Jugendliche habe ich von der Kriegs- und Kriegskinder-Generation immer wieder folgenden Satz zu hören bekommen: „Stell dich nicht so an, dir geht es doch gut!“ Viele werden diesen Satz in ähnlicher Form und Abwandlung kennen.

Den Satz „Stell dich nicht so an, dir geht es doch gut!“ habe ich inhaliert, er brannte sich ein, mit ihm bin ich aus dem Elternhaus ins Erwachsenenleben getreten.

Mehr als 15 Jahre lang habe ich mich seitdem selber vernachlässigt, um anderen, denen es vermeintlich „schlechter“ ging als mir - der es doch „gut“ ging - zu helfen. Bin über meine körperlichen und psychischen Grenzen gegangen, habe viel zu oft noch einen mitgetrunken, wenn der andere es so wollte, habe Kisten für andere geschleppt, obwohl ich Rückenschmerzen hatte, habe zugehört, obwohl ich hundemüde war. „Stell dich nicht so an, dir geht es doch gut!“ Ich habe mich dann immer gewundert, warum ich mit einem Mal völlig ausgelaugt im Bett lag, nicht mehr aufstehen konnte, völlig fertig war mit der Welt.
Vor einiger Zeit habe ich damit angefangen, diesen Satz umzuformulieren:
Ich stelle mich an!
Ich stelle mich quer!
Ich sage Nein zu Dingen, die mir nicht gut tun.
Und noch eins: Mir geht es nicht immer gut, mir geht es manchmal mittelprächtig und manchmal schlecht. Und das ist so, wie es ist, denn ich bin ein fühlender Mensch.
A.F., Oktober 2012

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Ambiguous loss

Ich habe den Kontakt abgebrochen, nachdem meine Mutter auf meine Mail in mehreren Kontaktversuchen auch nicht entfernt eine angemessene Antwort gefunden hat, die einen Dialog zwischen uns möglich machen würde. Sie will einfach nur ihre emotionelle Versorgung wiederhaben, beziehungsweise bestätigt bekommen, dass sie als Mutter nicht gescheitert ist. An mir als Person liegt ihr nicht das Geringste. Diese Situation ist bei weitem nicht so einfach auszuhalten, wie es sich anhört – sie entspricht eher dem, was die Psychologin Pauline Boss als „ambiguous loss“ bezeichnet. Es gibt Phasen, in denen ich jede Nacht von meiner Mutter träume. Aber ich weiss genau, dass Kontakt mit meiner Mutter kein Mittel gegen meine Wut und Trauer ist, sondern mich nur wieder in den alten Kreislauf von Missbrauch und emotioneller Ausbeutung hineinziehen würde. Und ich empfinde heute, dass ich es dem verängstigten, vereinsamten Kind in mir schuldig bin, es vor diesen Erfahrungen zu beschützen. Meine Mutter schreit mich bis heute in den geringsten Stresssituationen besinnungslos nieder. Ich habe lange gebraucht, um nicht nur zu begreifen, sondern wirklich zu empfinden, dass das kein akzeptables Verhalten ist und ich nicht verpflichtet bin, mich dem auszusetzen.
S.B., Mai 2012

 

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Wer hinfällt wird erschossen.

Schon seit vielen Jahren begleitet mich besonders im Berufsleben aber auch im privaten Alltag eine große Versagensangst. Bei jedem vermeintlichen Fehler, bei jeder Schwäche denke ich gleich: „Jetzt ist alles aus.“ Nach Feierabend bin ich oft fix und alle, nicht in erster Linie wegen der Arbeit, sondern wegen der Angst, die mich den ganzen Tag begleitet und mich mürbe macht. Ich habe das Gefühl mich auf einem Todesmarsch zu befinden, wo jeder Fehltritt jedes Fehlverhalten schwerste Konsequenzen nach sich ziehen kann. Der Satz: „Wer hinfällt wird erschossen,“ ist dabei immer wieder in meinem Kopf. Das verstehe ich nicht, denn ich kenne Todesmärsche nur in Zusammenhang mit Judenverfolgungen. Was für einen Sinn macht das? Was soll das mit mir zu tun haben? In belastenden Situationen, besonders wenn fremde Menschen eine Entscheidung über mich treffen, eine Prüfungssituation, oder z.B. kürzlich das Erscheinen zu einem ärztlichen Gutachten wegen der Erwerbsminderungsrente, da habe ich eine Angst als ginge es um mein Leben, als wäre in dem Raum vor dem ich warte ein Typ mit einer Knarre und wenn ich etwas falsches sage oder tue werde ich ohne Federlesens erschossen. Ich verstehe diese Ängste einfach nicht, sie belasten mich immer wieder sehr.
Vor einem Jahr beginne ich intensiv über meine aus Ostpreußen und Westpreußen stammende Familie nach zu forschen. Ich befrage die noch lebenden, durchforste Unterlagen, lese Erlebnisberichte von Personen die ähnliche Schicksale hatten, suche nach historischen Fakten. Ich will es das erste mal ganz genau wissen. Wer in meiner Familie hat was und wann erlebt?
Es gibt eine Fotografie, aufgenommen bei der Konfirmation meiner Großtante Else 1927 in Elbing, Westpreußen. Mein Großvater mit all seinen Geschwistern, seinem Vater, der Stiefmutter und der Stiefschwester. Auf dem Bild sind fünf Frauen und Mädchen und vier Männer. Keiner der Männer fiel im Krieg. Aber von den Frauen überlebte nur eine Schwester die zu Kriegsende in Berlin lebte. Die anderen Frauen lebten in Elbing und kamen 1945 alle um.
Ich lese: „…als schon große Flüchtlingsströme durch Elbing zogen, ging das Leben in der Stadt weiter wie gehabt. Von der Obrigkeit wurde die Parole ausgegeben, das in einigen Tagen wieder alles normal wäre...“. Elbing wurde zwei Wochen sehr hart umkämpft. Danach lag die Stadt fast vollständig in Schutt und Asche.
„...zwei Schwestern, die sind in Russland geblieben..“, hörte ich früher von meinem Großvater. Ich will mehr wissen und lese Erfahrungsberichte von Frauen, die damals in russische Arbeitslager verschleppt wurden. Von den Verhören nach der Festnahme, wo Anschuldigungen fingiert wurden, sie unter Androhung von Folter und Vergewaltigung etwas unterschreiben mussten was sie noch nicht einmal lesen konnten. Ich lese das damals auch mal schnell jemand eine Kugel im Kopf hatte. Ich lese, das der Weg in die Sammellager, von denen aus die Transporte nach Russland gingen oft Todesmärschen glichen. Das es durchaus passierte, das jemand der unterwegs schlappmachte einfach erschossen wurde. Das sehr viele schon auf dem Transport umkamen. Ich bin wie vom Donner gerührt. Kann es wirklich sein, das das Schicksal meiner Großtanten in mir weiterwirkt?
Es gibt Unterlagen vom Suchdienst des deutschen Roten Kreuzes. Daraus geht hervor das Schwester Else im Mai 1945 in einem russischen Arbeitslager verstarb. Zu Klara lese ich:

„Gutachten über das Schicksal von Klara …...geb. 1918
Vermisst seit Februar 1945 nach der Besetzung von Stadt und Kreis Elbing

Das Ergebnis aller Nachforschungen führte zu dem Schluss, dass Klara …. mit hoher Wahrscheinlichkeit nach der Festnahme in der ersten Zeit der Gefangenschaft verstorben ist, noch bevor eine namentliche Registrierung erfolgen konnte.“

Das bedeutet, dass sie nicht in einem Lager starb, sondern irgendwo unterwegs. Endlich macht dieser Satz für mich einen Sinn: „Wer hinfällt wird erschossen.“ Etwas Falsches zu sagen oder zu tun, oder einfach nur Schwäche zu zeigen konnte damals den Tod bedeuten.
Seit ich diese Verbindung hergestellt habe, seit ich über das Schicksal meiner Großtanten mehr weiß, ist dieser Satz in meinem Inneren endlich verstummt. Schon lange hatte ich jetzt schon keine Angst mehr als ginge es um mein Leben.
Es gibt dieses Foto von Klara, das mich schon immer besonders ansprach, schon bevor ich von ihrem Schicksal wusste. Eine Aufnahme am Strand, strahlend, jung und unbeschwert. Hinten drauf eine Widmung für meinen Großvater: „Deine Schwester Klara, Kahlberg Juni 1942“
Erst jetzt wird mir bewusst das sie ein richtiger Teil meines Lebens hätte sein können, wären die Dinge nur anders gelaufen. Großtante Klara, ich hätte dich so gerne kennengelernt.
Obwohl ich die Schwestern meines Großvaters ja gar nicht kannte, kommen mir immer gleich die Tränen wenn ich an sie und ihr Schicksal denke. Hat mein Großvater seine Trauer um sie nie zulassen können? Muss ich deshalb diese Trauer übernehmen?
Marjellchen, Juni 2012

Nachtrag:
Einige Monate nach Verfassen dieses Textes stoße ich auf einen Zeitzeugenbericht: In Elbing wurden im Feb.1945 etwa 800 Menschen von sowjetischen Soldaten zu einem Todesmarsch zusammengetrieben. Zwei Wochen mussten sie zwischen Elbing und dem 21 km entfernten Preußisch Holland hin und her marschieren. Es gab nichts zu essen, immer wieder wurden von den Soldaten kleine Sprengkörper in den Zug geworfen. Wer nicht mehr weiter konnte wurde erschossen. Als der Marsch aufgelöst wurde waren noch ca. 200 Menschen übrig. Sie waren frei und durften gehen.
Marjellchen, November 2012

 

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Stefan Kraft (*1966): aus der Serie Kindheit, 1993
Mischtechnik, je ca. 30 x 21 cm, © VG Bild-Kunst, Bonn 2012

 

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1964 geboren

1964 geboren - 2012 - mit 47 Jahren - inmitten meiner langen Wanderung durch Landschaften von Tiefen- und Traumatherapie begegnet mir plötzlich der Ausdruck „Kriegsenkel“.
Wie ein Sonnenaufgang offenbaren sich mir all die Webseiten und Literaturhinweise, auf die ich treffe.
Das erste Thema das mir begegnet ist „Das vererbte Trauma - Die Kinder der Kriegskinder“.
„Kriegsenkel“ JA! Endlich! Das bin ich.
Und plötzlich lese ich Lebensgeschichten, die meiner zum Verwechseln ähneln. Welche Wohltat. Welches Potenzial an Heilung mag darin liegen - ich kann es nur ahnen.

Geboren bin ich als drittes von vier Kindern.
Meine Mutter war ein Flüchtlingskind aus Oberschlesien. Ihre Mutter hat sie verherrlicht, von ihrem Vater hat sie so gut wie nichts erzählt - und wenn nur schlechtes. Irgendwie gab es den gar nicht.
Die Geschichten von der Flucht, Typhus, ihrem kleinen Bruder im Holzwagen, ihrer Übermutter, ihrer Heimatlosigkeit und ihr grenzenloses Selbstmitleid verfolgen mich bis heute. Abertausendmal und von Kind an war ich Plattform für diese Geschichten und die Gefühle, die dazugehörten - selbst meine Kinder wollte sie gerne noch als Plattform dafür missbrauchen!
Mein Vater war auch ein Flüchtling, er musste als kleiner Bub für seine Mutter und Geschwister sorgen. Auch von seinem Vater weiß ich so gut wie nichts. Nur das er schlecht war und irgendwann - irgendwohin verschwunden ist. Auch für seine verletzte Seele war ich von klein auf ein auserwähltes Auffanglager.
Meine ganze Herkunft ist mir ein Rätsel, und keiner ist in der Lage, mir Antwort zu geben.
Meine Eltern lebten den Wirtschaftswundertraum - nach außen hin. Hinter dieser Fassade herrschte ein Albtraum.
Meine Kindheit geprägt von Schlägen, Geschrei, Einsperren, Emotionale Kälte, Krieg der Eltern, Hass, Verzweiflung, Wut, Angst, Gewalt, Alkohol, immer wieder Umzüge und Vorurteile gegen die Menschen, die bereits an den Orten lebten, zu denen sie zogen. Auf der anderen Seite viel Geld, viel Hab und Gut.
Inzwischen bin ich in meinem Leben 14 Mal umgezogen und noch nicht angekommen - weiß überhaupt nicht, wo ich überhaupt ankommen soll - es war immer so „hauptsache eine Wohnung“ - hauptsache ein Dach über dem Kopf. Aber die Sehnsucht nach Heimat wurde nicht gestillt. An keinem Ort und bei keinem Menschen. Bis heute nicht.
Meine Mutter gibt sich bis heute als die perfekte Frau und Mutter aus - meine Seele kennt aber ein anderes Bild von ihr. Den Peiniger. Den kranken traumatisierten Menschen.
Mit Stolz erzählt sie bis heute, was sie alles geschafft hat in ihrem Leben, wie perfekt sie ist, wie sie alles besser kann als alle anderen - ich sehe aber, dass meine Familie eine einzige Katastrophe ist, und soweit ich zurückdenken kann auch immer war. Ich habe mich von meiner Familie weit distanziert.
Sie hielt sich immer für etwas Besonderes - ich habe mich für meine Herkunft und die Familienverhältnisse immer geschämt. Am liebsten hätte ich Freunden und Bekannten eine Familie vorgelogen, und ab und zu wenn ich ehrlich bin, habe ich das auch getan.
Mit 17 bin ich zuhause ausgezogen, geriet in die Drogenszene, Ausbildung abgebrochen, immer war ich eher Einzelgänger, ich komm nicht so gut mit den Menschen klar, habe mir immer extrem destruktive Partnerschaften ausgesucht und auch lange durchgehalten - das Täterprofil meiner Partner stimmte in vielen Punkten mit dem meiner Eltern überein. Sex spielte eine übergeordnete Rolle in den Partnerschaften - es war das einzige, in dem ich mich seit früher Jugend spüren konnte.
Eine Posttraumatische Belastungsstörung hat man mir zuletzt 2010 diagnostiziert, nachdem ich nach vielen Jahren durchhalten ganz und gar zusammengebrochen war. Erst heute weiß ich, es war ein Zusammenbruch unter der Last der Summe der Ereignisse meines Lebens, die unerträglich waren. Dass dieser Zusammenbruch erst mit 46 Jahren kam, zeugt aber auch von meiner enormen Stärke. Die Drogenszene habe ich verlassen, ich habe zwei Kinder großgezogen, ich habe all die Widrigkeiten meiner Kindheit und späterer Partner überlebt. Ich bin arbeiten gegangen und habe mein Leben aufrecht erhalten. Ich habe angefangen nach Antworten zu suchen, ich habe angefangen nach meiner Identität zu suchen, überall suche ich danach, überall suche ich nach einem Frieden in mir. Ich glaube, da war bislang noch immer der Krieg.
Ich stehe hier und freue mich sehr, dass Menschen Bücher geschrieben haben über die Kriegsenkel. Ich freue mich sehr darauf sie zu lesen. Ich freue mich auf diesen Sonnenaufgang.
Allein mit den wenigen Auszügen aus Büchern, die mir im Internet begegnet sind zu dem Thema ist ein Lichtstrahl in mein Herz gefallen - nur einer - und der erhellt schon.
Ich habe mir heute das erste Buch über „Kriegsenkel“ bestellt. Ich freu mich darauf wie ein Kind an Weihnachten.
Herzliche Grüße an alle Kriegsenkel in der Hoffnung, dass die Seelen unsere Kinder und Kindeskinder in Frieden leben werden.
E.D. April 2012

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Nicht meine Schuld

Ich habe so viele Jahre geglaubt, dass es meine Schuld ist, was mir in meiner Kindheit zugestoßen ist (Jahrgang 1967). Jetzt versuche ich zu verstehen, dass ich nur bedingt etwas dafür kann und meine Depressionen, Minderwertigkeitsgefühle, Probleme in Beziehungen und noch vieles mehr auf den Erfahrungen aus dieser Zeit beruhen und nicht alleine meine Schuld sind.
Mein Vater (Jahrgang 1939) wuchs als ungeliebtes Kind in einer kommunistischen Familie auf. Sein Vater war im KZ, danach an der Ostfront und schließlich ein gebrochener Mann. Seine Mutter kann man als gefühlskalt beschreiben. In der Ehe mit meiner Mutter hat mein Vater alles kontrolliert. Meine Mutter musste zu Hause sein, wenn er nach Hause kam. Sie durfte nicht arbeiten, sich nicht mit anderen Müttern treffen. Sie hat angefangen zu trinken und ist gestorben als ich 17 war.
Mein Vater hat immer versucht mein Leben zu kontrollieren und in seinem Sinn zu lenken. Nur meiner Mutter verdanke ich es, dass ich Abitur machen durfte. Studieren ging dann nicht mehr, meine Mutter war tot und mein Vater wollte, dass ich Geld verdiene. Seit dem Ende meiner Schulzeit laufe ich diesem verpassten Berufseinstieg hinterher.

Meine Kindheit ist geprägt von unkontrollierten Wutausbrüchen meines Vaters. Wüste Beschimpfungen, Schläge, komplettes Ignorieren meiner Person wegen Kleinigkeiten für Wochen. Ich bin morgens aus dem Haus gegangen und hatte Angst nach Hause zu kommen, weil ich nicht wusste, ob mein Vater mit wutverzerrtem Gesicht auf mich wartet und eine Strafe ansteht. Nach einigen halbwegs entspannten Jahren, in denen meine Kinder auch einen Opa hatten, ist der Kontakt seit einigen Monaten wieder abgebrochen. Ich hatte bei einem Besuch gewagt, meinem Vater zu widersprechen. Es ging um das Datum, an dem ich meinen Führerschein gemacht habe. Und ich vermisse ihn nicht. Eigentlich geht es mir besser. Keine Pflichtanrufe (er wohnt 600 km entfernt), keine sinnlosen Gespräche über das Wetter, weil er sich nicht für mein Leben interessiert. Ich habe sowieso alles falsch gemacht in seinen Augen. Weil ich andere Interessen habe und andere Prioritäten habe als er. Weil ich arbeite, meine Kinder zu selbständigen und selbstbewussten Menschen erziehe und mit ihnen diskutiere. Weil ich nicht erwarte, dass sie meine Meinung als die einzig Wahre anerkennen.

Ich bin sehr froh zu wissen, dass andere mit ähnlichen Problemen zu kämpfen haben. Und das ich in dem, was ich tue und wie ich es tue normal bin. Jetzt muss ich noch die Selbstzweifel und Depressionen bekämpfen. Und vielleicht den Rest meines Lebens mit der Gewissheit verbringen, dass ich etwas wert bin und wert bin, mich zu mögen und von anderen gemocht zu werden.
B. S., April 2012

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Lebensgeschichten

Dass meine Mutter eine Vertriebene ist und als Kind mit ihrer Familie fliehen musste vor den Russen, wusste ich schon lange. Manchmal erzählte sie von den Erlebnissen, der Zeit im Wald Ende Februar 1945, der Gott sei Dank nicht so kalt war, oder der Flucht selber, wo sie wieder einmal aus dem Dorf vertrieben wurden, gar nicht mehr so viel mitnahmen, weil sie immer wieder zurück kamen – nur dieses Mal nicht mehr, dem Erlebnis an der Neiße, wo sie ihre Schubkarre da lassen sollten und sie schrie, weshalb sie die Schubkarre doch mitnehmen konnten, oder dass sie und ihre Schwester ihren Vater vor den Russen beschützten, indem sie sich an seine Arme klammerten und schrien, sodass die Russen ihn nicht mitnahmen, von den Vergewaltigungen, die sie andeutete und von der auch ihre älteste Schwester betroffen war (Jg. 1930)… Wenn meine Mutter so davon erzählte, sagte ich irgendwann immer, dass schließlich die Deutschen den Krieg angefangen hätten und selber Schuld seien – weil ich es so in der Schule in der DDR vermittelt bekam und glaubte. In den letzten Jahren, ich bin jetzt 43, realisiere ich erst, was es für die Menschen damals wirklich bedeutet haben muss und gerade auch für die Kinder – heute, wo ich selber Kinder habe im Alter meiner Eltern damals (beide Jahrgang 1935) und ich im Alter meiner Großeltern bin (Jahrgang 1901 und 1906). – Väterlicherseits gab es zwar weder Flucht noch Vertreibung aber mein Großvater wurde ein paar Tage vor Kriegsende von einem russischen Soldaten erschossen, da er keinen Schnaps rausgeben wollte aus seinem Geschäft. Auf dem Weg zum Kommandanten, wo er sich beschweren wollte, wurde er erschossen. Was muss das für die Familie bedeutet haben? Mein Vater erzählte auch von einem Zwangsarbeiter, ein junger Mann aus Frankreich, dem Jean (deutsch ausgesprochen, also Je-An). Ich denke viel darüber nach, was damals wirklich alles gelaufen ist. Mein Opa war in der NSDAP, er hatte einen Zwangsarbeiter – war das alles normal?

Vor ca. 9 Jahren, nachdem mein Vater plötzlich starb, kam ich in eine ziemliche Krise. Ein Jahr später, als es immer schlimmer wurde, begab ich mich in Beratungsgespräche, um zu orten, was los ist in meinem Leben. Aber alles war so diffus. Der Berater schien irgendwie auch überfordert. Irgendwann sagte er, er würde aus mir nicht schlau. Aber ich lernte in dieser Zeit, mich selber wahrzunehmen und darüber zu reden. In meiner Familie sprach man nicht darüber, wie es einem geht. Es ging einem eigentlich immer gut – zumindest wurde das erwartet. Uns sollte es doch besser gehen, als meinen Eltern. In letzter Zeit kam mir wieder eine Situation in den Sinn, dass ich nach dem Baden als Kind mich in das Badetuch einhüllte und mir vorstellte, irgendwo allein zu sein, wie die armen Kinder im Kapitalismus und mich bemitleidete. Ich war einfach einsam in meiner Familie. Als Jugendlicher hatte ich immer wieder Zeiten, wo ich am liebsten Schluss machen wollte. Manchmal frage ich mich, was meine Eltern wohl dazu sagen würden, wenn sie gewusst hätten, was in mir wirklich vorging. Es wirkte alles etwas steril, gefühllos, es musste alles einfach laufen, man musste einfach funktionieren, dann war alles gut. - Als mein Bruder und ich uns mal unterhielten über die Probleme, die wir in der Schule hatten als Teenager, sagte meine Mutter nur, dass wir in unserem Alter doch noch keine Probleme hätten. Klar, im Vergleich mit dem, was sie erlebt hatte, waren das nur Peanuts.

Merkwürdigerweise habe ich einige Bilder vor Augen und nehme die Stimmungen war, obwohl ich nicht dabei war, wie von dem Tag, als mein Großvater erschossen wurde. Ich weiß, dass es nicht das originale Bild ist, das Hoftor z.B. sah damals anders aus, aber ich weiß, dass es der Tag ist und ich frage mich, wieso mich das nicht loslässt. Auch habe ich ein Bild vor Augen von dem Friedhof meiner Großeltern mütterlicherseits, dass es so nicht gibt. Die Gräber liegen ruhig und friedlich im Sonnenschein. Aber ich suche die wahre Bedeutung des Bildes. Unweit des Friedhofs führt nämlich die Autobahn vorbei, auf der die Flüchtlinge damals in Richtung Westen zogen und diese ist heute stark befahren.

Als vor einem Jahr meine Mutter und ihre Schwestern sich dort trafen auf diesem Friedhof zu den Todestagen meiner Großeltern, die dicht beieinander liegen, ging es nur um dieses Thema. Eine Tante fragte, ob es ihnen auch so ginge, wenn sie nachts nicht schlafen könnten, dass sie dann an die Heimat denken müssten. Es fiel das Stichwort „Flüchtlinge“, was diese Tante monierte, sie wären keine Flüchtlinge sondern Vertriebene, das wäre ein Unterschied. Das Treffen dauerte etwa eine halbe Stunde, aber das Gespräch ging nur um dieses eine Thema. Das fand ich sehr interessant, wie einschneidend und verändernd und bestimmend das für sie ist.

Kürzlich dachte ich auf der Autofahrt morgens darüber nach, was mein Vater nach dem Krieg so alles erlebt hat, dass er sich so zurückgezogen hatte. Und ebenso ein Bekannter von ihm. Und dann wunderte ich mich darüber, dass ich darüber nachdachte.
Ich denke manchmal, dass ich meinen Vater nie richtig kennen gelernt habe und sehe und befürchte, dass sich manches wiederholt, z.B. in puncto Rückzug…

Im letzten Sommer besuchte ich eine mehrtägige christliche Veranstaltung in Lüdenscheid. Dorthin wurden Verwandte meiner Mutter vertrieben und liegen nun dort begraben. Vor einigen Jahren hatte ich dieses Dorf bereits besucht, um mal zu schauen, wie es dort so aussieht und wo meine Verwandten gewohnt haben. In einer Mittagspause nun hatte ich den Wunsch, auf den Friedhof zu fahren und die Gräber zu suchen. Also machte ich mich auf den Weg und fand fast sofort die Gräber, scheinbar intuitiv. Unglaublicherweise heulte ich dort fast wie ein Schlosshund, obwohl ich diese Leute nie selber kennen gelernt habe. Sie schickten uns oft Pakete zu Weihnachten. Nachdem ich die Gräber kurz darauf nochmals besucht habe, habe ich Frieden darüber.
U.S., Januar 2012

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Die Tochter eines Flüchtlingskindes aus Ostpreußen erzählt

Die Familie meiner Mutter hat zweimal „bei Null wieder angefangen“. Nach der Flucht im Januar 1945 aus Ostpreußen nach Sachsen, und als sie 11 Jahre später "nach dem Westen" gingen, lebten sie viele Jahre unter sehr einfachen Bedingungen, froh überhaupt eine Bleibe zu haben. Erst 1962 nach vielen Wohnungs- und Wohnortswechseln hatten sie wieder die erste „schöne“ Wohnung, wie meine Oma in ihren Memoiren schrieb.

Ich selbst bringe es inzwischen auf über 20 verschiedene Wohnsitze, wenn ich kürzere Aufenthalte wie Zwischenmieten und Unterbringungen während Praktika mitzähle. Meine Bleiben waren meist sehr bescheiden, ich fand es gut, mit wenig auskommen zu können. Zeitweise wohnte ich zusammen mit hässlichen muffigen fremden Möbeln, Kakerlaken und Schimmel. Mit Mitte 20 kam ich auf den „Selbstversorgertrip“. Ich wollte unbedingt wissen, wie autonom man im modernen Deutschland leben könnte. Unter anderem lebte ich eine Zeit lang auf einem Biohof in Alleinlage ohne Strom, ohne fließendes Wasser und mit Plumpsklo, in einem Bauwagen mit Holzheizung und schlechter Isolierung. Erst mit 31 Jahren hatte ich meine erste richtige eigene Wohnung – wenn auch mit recht veraltetem Wohnstandard. Mehrmals habe ich Wohnort und Arbeit gewechselt, habe woanders „bei Null wieder angefangen“. Habe mich weder an Menschen, noch an eine Region dauerhaft gebunden. Seit ich 26 bin, lebe ich ganz bewusst auf dem Lande, da ich es dort als sicherer empfinde als in der Stadt. Im Hinterkopf ist der Gedanke „Wenn wieder schlechte Zeiten kommen, ist man hier besser aufgehoben. Man wird wahrscheinlich zu essen haben, und Kampfhandlungen konzentrieren sich eher auf Städte.“ Zudem arbeite ich seit vielen Jahren in landwirtschaftlichen Bereichen – denn Nahrung brauchen die Menschen immer, eine krisenfeste Branche sozusagen. Im Zweifelsfall ist ein Kilo Kartoffeln mehr wert als ein goldener Ring. Ich werde zu essen haben, und das beruhigt mich.

Wenn ich so zurückblicke, denke ich, was mich immer weiter getrieben hat, war die Suche nach „meinem Platz“ im Leben, einem sicheren Platz vor allem. Schon als Kind hatte ich das Gefühl, nicht am rechten Platz zu sein. Das hatte wohl auch sehr mit meinem Elternhaus zu tun. Meine Eltern lebten miteinander im Kriegszustand. Ich litt unter einem Mangel an Sicherheit und Geborgenheit. Aber jetzt denke ich, dass auch die Familiengeschichte Teil der Ursache war.
Wenn mich jemand fragt, wo ich herkomme, so sage ich: „Ich bin in der Heidelberger Gegend geboren und aufgewachsen.“ Aber ich habe nicht das Gefühl von dort zu sein. Obwohl es ja in meiner eigenen Biografie keinen Grund dafür gibt, trage ich tief in mir den Schmerz des Heimatverlustes.
Ein sehr bewegendes Erlebnis war für mich der Besuch in Ostpreußen gemeinsam mit meinen Großeltern, meiner Mutter und meinem Bruder in den 80er Jahren. Endlich Bilder zu den Geschichten zu haben. Gemeinsam mit meinen Großeltern an den Stätten ihres „ersten Lebens“ zu sein. Meine Mutter erinnerte sich ja nicht an viel. Ich habe mich sofort in die Gegend verliebt. Menschen kommen und gehen, das Land bleibt. Es ist tröstlich, dass ich das Land jederzeit besuchen kann, obwohl natürlich die Spuren der deutschen Bevölkerung mehr und mehr verwischen, wie ich bei meinem zweiten Besuch 1999 feststellen konnte. In meiner Wohnung steht seit Jahren eine Schale mit Erde von einer Weide, auf der einst die Kühe meiner Vorfahren grasten.

Vor vier Jahren erlitt ich einen Burnout. Nachdem ich bereits drei Jahre nur noch mit Mühe einigermaßen funktioniert hatte, war es eines Tages so weit, ich war total am Ende und brach zusammen. Von einem Tag auf den anderen war ich eines beträchtlichen Teils meiner Fähigkeiten beraubt. Ich musste Freundinnen und Familie um Hilfe bitten. Selbst mir einen Tee zu bereiten oder ein Telefonat zu führen, gelang mir in manchen Augenblicken nicht mehr. Schnell war mir jedoch klar, dass meine momentane Arbeitsbelastung lediglich das Fass zum Überlaufen gebracht hatte, die tatsächliche Ursache jedoch in der Summe der Belastung in meinem gesamten Leben, seit meiner Kindheit zu suchen war. Leichter war es demnach, Stress zu reduzieren, der in aktuellen äußeren Faktoren begründet lag. Aber wie reduziert man Belastungen, die in einem sind, die aus dem Inneren, aus mir selbst kommen? Diesem inneren Stress auf die Schliche zu kommen hat mich gezwungenermaßen in den letzten vier Jahren stark beschäftigt. Stück für Stück wurde ich fündig, was genau in meinem Leben zu diesem Zusammenbruch geführt hatte. Doch für einen Großteil meiner Ängste, die mich innerlich stressten und mir die Lebenskraft raubten, fand ich keine Erklärung in meiner eigenen Biografie. Heute weiß ich, dass die transgenerational weitergegebenen Lebensängste meiner Mutter und Großmutter einen Großteil davon ausmachen. Beide kenne ich hauptsächlich im Zustand von Stress, Aufregung und Angst. Kein Wunder, dass ich das verinnerlicht habe, wo es mir doch ständig vorgelebt wurde.
Seit ich für meine Ängste eine Erklärung und Ursache gefunden habe, komme ich mehr und mehr zur Ruhe. Mein Leben ist entspannter geworden, meine Lebensqualität hat sich verbessert. Dieses Gefühl, dass es um Leben und Tod geht, dieser wahnsinnige innere Stress verliert mehr und mehr an Kraft.

Die Bücher über Kriegsenkel nahm ich übrigens jetzt zum Anlass einmal nachzurechnen, wie alt genau meine Oma zum Zeitpunkt der Flucht war: genau 38 Jahre und 8 Monate. Als ich meinen Burnout hatte, war ich 38 Jahre und 9 Monate alt. Damals schrieb ich so eine Art Gedicht, um auszudrücken, wie sich dieser Zusammenbruch für mich anfühlt. Es lautete:

ich bin außer mir
mein Haus ist unbewohnbar geworden
ich lebte in einem schönen Heim
und wachte eines Morgens auf
in Trümmern
nun komme ich nicht mehr zurecht
finde nichts mehr wieder
Schutt und Asche überall
es regnet ohne Unterlass

Nun fiel mir dieser Text wieder ein. Ich las ihn nochmal durch, um dann erstaunt zu bemerken, dass dies eigentlich ein Text über den Krieg ist.

Gegen das, was meine Mutter und Großeltern durchgemacht haben, ist so ein Burnout wohl lediglich ein kleiner Schnupfen, trotzdem will ich hier einige Parallelen ziehen. Beides stellt einen äußerst starken Bruch im Leben dar, nach dem nichts mehr so ist wie vorher. Ich habe durch diese Erkrankung einen deutlichen sozialen Abstieg erlebt. Teile meines sozialen Umfelds fielen weg. Einige meiner früheren Fähigkeiten und daher auch Möglichkeiten sind – vorerst – nicht mehr vorhanden. Ich musste für vieles neue Wege finden. Mich zurechtfinden in einer veränderten Welt. Darüber weinen nützt nicht viel. Man muss nach vorne schauen und das Beste daraus machen. Das habe ich von meiner Mutter gelernt. Überhaupt ist mir jetzt klar, welche Kraft auch in meiner Familiengeschichte liegt. Meine Familie hat in ihrem Leben viele Ängste ausgestanden, vielen Gefahren getrotzt. Sie hat immer wieder richtig gehandelt, den richtigen Riecher gehabt und das Leben in die eigene Hand genommen. So ist ihre Geschichte nicht zuletzt auch eine Erfolgsgeschichte. Mich damit auseinanderzusetzen hat mich ein Stück weit näher zu mir selbst gebracht, und das fühlt sich gut an. Vielleicht liegt die Heimat, die ich so verzweifelt suche, letztendlich doch ganz nahe - nämlich in mir.

So wie mir die Berichte anderer Betroffener geholfen haben, hoffe ich, dass der Eine oder Andere durch meine Geschichte eine Bereicherung erfährt.
marjellchen, Januar 2012

 

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Ein Gespräch mit Anna. Heimatlosigkeit in der zweiten Generation
Anna schaut auf den Boden. Dann hebt sie langsam ihren Kopf und schaut mich an. Sie sagt leise: Ich habe ein Buch gelesen. Schon vor einem Jahr. Und jetzt noch einmal. Das gleiche Buch. Es heißt: Kriegsenkel. Und es berührt und verstört mich gleichermaßen. Ich kann die Bedeutung noch nicht wirklich fassen. Es handelt über mich. Irgendwie. Ich befinde mich in einem Zustand der Verwirrung, des Berührtseins und der Nachdenklichkeit. Ihr Blick schweift in die Ferne.

Ja natürlich, ich kann etwas über den Inhalt des Buches sagen, sachlich ist das ganz einfach. Anna richtet sich auf, konzentriert sich, und spricht gefasst: Das Buch handelt über eine Generation in Deutschland, die zwischen 1960 und 1970 geboren wurde und deren Eltern im Zweiten Weltkrieg Kinder waren. Die Elterngeneration nennt die Autorin „Kriegskinder“ und die Kindergeneration, über die das Buch handelt, „Kriegsenkel“. Übertragen lassen sich die dargestellten Phänomene auf jedes Land und jede Zeit – Grundlage ist die Konstellation.

Erst in den letzten Jahren ist deutlich geworden, dass es nicht nur nicht aufgearbeitete traumatische Erlebnisse von Kriegsteilnehmern in jeder Altersklasse gibt, sondern, dass diese oft verschwiegenen, vergessenen, banalisierten Kriegs-, Flüchtlings- und Angst-Erlebnisse gerade von Kindern, eine unbewusste Auswirkung auch auf die folgenden Generationen haben. In Fachkreisen… Ich unterbreche Anna und erinnere sie daran, dass ich gerne auf sie zurückkommen würde, wissen möchte, wie es ihr dabei geht. Anna schluckt. Das sichere Terrain, auf das sie durch die Inhaltsangabe gelangt war, soll sie also wieder verlassen… Ihr Blick verschwindet im Nichts.

Sie schaut mich mit einem fremden Blick an und erläutert leise. Meine Eltern wurden beide im Krieg geboren. Sie sind beide, als sie noch sehr klein waren, vertrieben worden, aus verschiedenen Richtungen. Sie mussten flüchten und ihr Zuhause, ihre Heimat zurücklassen. Beide Väter waren im Krieg, die Mütter haben sich jeweils in die Flüchtlingsströme eingereiht und um ihr Überleben gekämpft – was sie auch irgendwie bis in den Westen Deutschlands geschafft haben. Was sich dabei aber alles zugetragen hat, was meine Großmütter erlebt haben, das weiß ich kaum – außer ein paar vagen Andeutungen. Ihre Männer jedenfalls starben innerhalb der ersten zehn Nachkriegsjahre. Meine Eltern lernten sich zu Beginn der 60er Jahre im Studium kennen. Scheinbar unbeschadet. Und sie wollten alles anders machen.

Anna windet sich, sie ist deutlich verunsichert. (Was irritiert sie so?) Sie schaut an mir vorbei und flüstert. Ich bin in Friedenszeiten aufgewachsen. Ja, ich hatte alles, was ich brauchte. Bildung, ein Zuhause, Reisen, Kultur… Man strebte der Zukunft entgegen. Es steht mir nicht zu, zu klagen – das wäre unfair – ich hatte es doch gut. Trotzdem ist da ein Erbe zu verwalten, dem ich jetzt näher komme.

Wenn ich meine Eltern nach ihrer Kindheit fragte, dann kamen immer souveräne Antworten: dass sich ihre Erlebnisse nicht mit meiner Kindheit vergleichen ließen… dass es ein Abenteuer gewesen sei… dass es eben so war, wie es war… dass man nach vorne schauen wolle und ja jetzt alles anders sei… und nichts weiter. Bei diesen Worten schwang immer eine gewisse Härte mit, eine Distanz und gleichzeitig eine sanfte und weite Verlorenheit.

Ich verstehe: Vergangenheit und Zukunft sollten deutlich voneinander getrennt werden. Sie sollten nicht auseinander hervor gehen. Und die Gegenwart präsentierte sich als Insel, die von einem unbekannten Meer umschlossen wurde.

Anna fährt fort: Wenn ich auf mich schaue, darauf, dass „ich“ mich immer als Fremde fühle - egal wo ich bin! - obgleich ich gut sozialisiert und ausgebildet wurde – also nicht unter Minderwertigkeit leide – werde ich ganz schwach. Mein Selbstbewusstsein ist von meiner Grundstruktur her gut ausgebildet und kaum jemand kann nachvollziehen, dass ich mich oft so unbeholfen fühle. Immer das Gefühl habe, dass ich durchhalten müsse. Dass die Welt nicht auf festen Füssen stehe, sondern tagtäglich umfallen könne… Dass es „vorübergehende Lösungen“ seien, in denen wir uns bewegen, dass es keine Beständigkeit, keine Sicherheit, kein Zuhause gibt. Sondern, dass das Leben ein Überlebenskampf ohne Festpunkt ist.

Ich schaue Anna mit neuen Augen an, diese kleine Frau hat doch schon so viel in ihrem Leben geschafft – und sie ringt mit solch einer Lebensunsicherheit… Das hätte ich nie gedacht. Und, dass ihr Grundlebensgefühl durch ein unbewusstes Kriegstrauma ihrer Eltern, die in diesem Sinne nie eine Kindheit hatten und in eine durchgeschüttelte Welt mit Gefahren und Unsicherheiten geboren wurden, gespeist wird, akzeptiere ich als Möglichkeit sofort.
S. P., die Originalversion findet Ihr unter: www.sophiepannitschka.blogspot.com, 08. Oktober 2011.

 

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Mein Leid

„Ich gratuliere zu diesem Forum, weil ich endlich merke, dass ich nicht allein bin mit diesem unsäglichen Leid. Ich bin 1975 geboren und an einer Depression erkrankt. Ich breche in Tränen aus, wenn ich nur ein paar Bilder aus dem Krieg sehe, ein paar Sätze darüber höre. Und erst seit zwei Jahren ist mir bewusst, was passiert war. Ein Großvater, der seine Kriegstraumata über Jahre einem kleinen Kind auf die blanke Seele schrieb, seine Todesängste, seine Heldenphantasien, sein Durst, im Nachhinein eine Sinngebung zu bekommen, für das unermessliche Leid, das er erlitten und erzeugt hat. Die Großmutter saß daneben und hat mitgemacht, hat sich ebenfalls die Bestätigung geholt für den Sinn dieser Zeit. Von einem 6,7,8,9,10-jährigen. Und sie hatten wohl das Gefühl, dass ihnen das zustand. Und ich weiss jetzt: Das war seelischer Kindsmissbrauch.
Und es tut so unsagbar weh, diese existentiellen Ängste, die sich auf ein Kind übertragen haben, erst jetzt zu entdecken, sie zuzulassen, diesen unsagbaren Schmerz auszuhalten. Vorher lief alles unbewusst ab. Als Jugendlicher versuchte ich sein Leben nachzuspielen, weil er jedem, der nicht im Krieg war, die Existenzberechtigung absprach. Ich lief ständig in 30er Jahre Klamotten herum, wollte eine Wehrmachtsuniform kaufen, nur um den Stoff zu berühren, nur um in Kontakt zu kommen, mit dieser Zeit.
Ich schaffe es bis heute nicht, mir selbst „etwas Gutes“ zu tun, weil er es auch nicht hatte. Weil er mir ein schlechtes Gewissen eingebrannt hat, kein Kriegsleid erlebt zu haben.
Und all das, obwohl eine Generation dazwischen lag. Zu meinem Vater konnte der traumatisierte Großvater direkt nach dem Krieg keine emotionale Beziehung aufbauen. Später, 1975, konnte er das dann offenbar, leider - zu mir und das über Jahre. Bis heute weiß ich nicht, wer ich bin, kann keine Lebensbeziehungen eingehen. Und obwohl ich weiß, dass er „nichts dafür“ konnte – habe ich mittlerweile einen unglaublichen Hass auf ihn, weil mir das die Möglichkeit gibt, ihn aus meinem Leben zu werfen mit seinem Schicksal, für das ich definitiv nicht zuständig bin, für das ich keine Verantwortung mehr übernehmen will. Und wenn ich es in manchen Stunden schaffe, ihm die Verantwortung zurückzugeben, wird das Leben plötzlich so leicht. In der Psychotherapie übe und lerne ich das. Ohne - würde ich heute nicht mehr leben. Hau ab Opa - und mach Dein Ding allein.“
A. E., Juli 2011

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Schönen guten Tag Zusammen

„schon früh hat mich immer wieder das diffuse, ungute Gefühl beschlichen, dass das Thema „Kriegsenkel zu sein“ die Ursache für den schmerzhaften, anstrengenden, holperigen und traurigen Lebensweg sein könnte. Nachdem ich in diesem Forum gelesen habe, sitze ich an meinem Tisch und bin fassungslos, wie wahr dieses Gefühl ist/war.... und auch eine gewisse Erleichterung, eben nicht „meschugge“ zu sein, dass es tausenden Menschen genau so geht! Nicht schön, im Gegenteil, aber doch irgendwie tröstlich.

Ich wurde im Juli 1967 geboren mit einer Zwillingsschwester; darüber hinaus habe ich noch zwei ältere Schwestern, geboren 1963 und 1964. Meine Mutter, geboren 1940 in Schlesien und vertrieben 1945 und mein Vater, geboren 1935 in Stade, sie haben ihren vier Töchtern mindestens 15 Umzüge zugemutet; teilweise wohnten wir nur ein halbes Jahr in irgendeiner Stadt, in der mein Vater einen Job gefunden hatte. Es wurde uns nie erklärt, warum wir denn schon wieder alle Brücken abbrechen, Freunde und Schulkameraden verlassen, lieb gewonnene Orte und Landschaften aufgeben sollen... es wurde einfach umgezogen und basta.

Ich habe dieses unsägliche Muster übernommen...ich bin über dreißig Mal umgezogen. Nun lebe ich schon seit immerhin sieben Jahren in derselben Wohnung, aber das Nomadengefühl verlässt mich einfach nicht und was viel schlimmer ist, die bizarre Sprachlosigkeit zwischen mir und unserer Mutter ist schrecklich. Mittlerweile ist sie siebzig und hat seit geraumer Zeit eine Wahnidee entwickelt, die mich furchtbar aufregt und ratlos und wütend werden lässt. Es dreht sich nur noch alles um Juden, sie erzählt immer nur davon, dass „die Juden wieder nach Deutschland kommen“, dass „alles jüdisch ist“, „die Juden haben das Geld“ usw. dieses antisemitische widerliche Geschwätz einer alten, verbitterten Frau, die sich vom Leben komplett übervorteilt fühlt, macht mich krank.

Von der Familie meiner Mutter weiß ich recht viel; sie stammten aus Schlesien, meine Oma (Mutter meiner Mutter) sprach polnisch... mein Opa war auch ein waschechter Schlesier. Der wurde im Krieg verwundet und ich habe ihn als kleines Kind nur humpelnd mit Krückstock in Erinnerung und später nur noch siechend im großen Federbett liegend, das Riesenkruzifix im Schlafzimmer und Oma, die ihn wortlos pflegte, bis er dann starb. Meine Mutter hatte noch sechs Geschwister, ein kleiner Bruder verstarb auf der Flucht an Typhus. In Auffanglagern waren die Kleinen anderthalb Jahr ohne Eltern, da mein Opa in amerikanischer Kriegsgefangenschaft war und meine Oma wegen Typhus ein dreiviertel Jahr weg war...

Die Familie/das Leben meines Vaters ist mehr oder weniger ein weißer Fleck... wir haben nur Informationen, die kaum greifbar sind, von denen man nicht weiß, was stimmt und was nicht... die eine Schwester meint, Fotos vom Opa (Vater meines Vaters) in schwarzer SS-Uniform gesehen zu haben; die Oma (Mutter unseres Vaters) war angeblich Halbjüdin und wir vermuten, dass die Ehe noch vor Hitlers Machtergreifung geschlossen wurde und somit die Rassengesetze noch nicht existierten; dass aber wiederum in der Zeit des Dritten Reiches unsere Oma bzw. ihre Herkunft wahrscheinlich „verleugnet“ werden musste.
Meinen Vater kenne ich nur als brutalen, aggressiven Rassisten und Antisemiten. Das hat mich schon als Kind furchtbar geängstigt und verwirrt. Er war distanziert, absolut kalt, hasserfüllt und feige. Er hat uns und unsere Mutter regelmäßig verprügelt; und wenn, dann nahm er sehr oft so merkwürdige, perverse Dinge zu Hilfe (ich sage immer Nazimethoden dazu). Er machte Handtücher nass und machte Knoten hinein und „überfiel“ uns dann damit. Es gab auch nie einen Anlass für die Prügel; es war nie nachvollziehbar... er hatte einfach cholerische Anfälle und war völlig hasserfüllt und wie ein wilder Stier.
Ich weiß nicht, was er in der Hitler-/Kriegszeit erlebt/gesehen/beobachtet oder vielleicht sogar getan hat als Bub, oder was ihm angetan wurde... ich weiß nur aus den spärlichen Erzählungen, dass er und seine vielen Geschwister, wenn der Vater abends nach Hause kam, regelmäßig mit dem Gürtel geschlagen wurden; die Mutter raportierte, was die Kinder angestellt hätten und dann kam der Gürtel. Ich hatte immer das Gefühl, dass mein Vater auch komplett indoktriniert ist von der Propaganda damals; dass er tatsächlich an diesen Herrenmenschen-Mist und diesen Rassenwahnsinn glaubt (er hat selber natürlich blaue Augen und ist blond...) Sein paranoides Verhalten und Sich-Abseilen bzw. Verstecken in Australien (geht es noch weiter weg??) sind für mich auch Zeichen von großer Angst, Feigheit und Verleugnung. Er hat den Kontakt zu seinen Töchtern komplett eingestellt; Briefe wurden ungeöffnet zurückgeschickt, keiner geht ans Telefon, der Briefkasten ist zugeklebt…

Ich kann mit meiner Mutter nicht sprechen; sobald Gefühle und Gedanken ins Spiel kommen, wird abgeblockt. Sie war schon immer sehr hart, konnte uns als Kinder oder Teenager nie trösten; wenn wir Leid erlebten oder traurig waren, hieß es immer „Heul nicht. Reiß dich zusammen.“ usw. Diese Ambivalenz zwischen Verständnis, in Schutz nehmen, Mitleid/Mitgefühl und ohnmächtiger Wut und riesenhafter Trauer, dass man das nie bekommen hat als Kind, was man so dringend gebraucht hätte ist schlimm und begleitet mich mein ganzes Leben.
Meine Schwestern und auch ich, wir alle haben mehr oder weniger große psychische Probleme, ich leide seit meinem ganzen Leben an Depressionen und Verlorenheitsgefühlen, unerklärlichen Ängsten, Leeregefühlen, dem Gefühl, nicht dazu zu gehören, dem Gefühl, mir steht nichts zu, ich darf irgendwie nicht glücklich sein und mich wohl fühlen. Auch habe ich immer das Gefühl, ich müsste meine Mutter bespaßen und immer den Entertainer geben; wenn ich zu Besuch bin lege ich alte Platten auf, es gibt ein Glas Wein und meine Mutter tanzt bei weg geschobenen Sesseln im Wohnzimmer... und ich gehe nach Hause und bin leer gesaugt, tieftraurig und brauche zwei Wochen, um mich zu erholen... es beschleicht einen immer das Gefühl der Melancholie, der Traurigkeit, das irgend etwas nicht stimmt. Symptomatischerweise bin ich Single... vielleicht ist es das Unterbewusstsein, was mir sagt, häng dich nicht an einen Menschen, es wird dir eh wieder weggenommen/kaputt gemacht/er geht sowieso weg von dir.... Meine drei Schwestern sind interessanterweise alle „unter der Haube“ und haben Kinder...

Ja, ich fühle mich ausgebremst! Genau das trifft es! In Bezug auf die Frage, wie ich mit meinen Gefühlen umgehe, so ist es meistens das Hin und Her zwischen der Ratio und dem Denken, „Du weißt doch, wo das her kommt; Du brauchst diese alten Verhaltensmuster nicht mehr!“ usw. und dem sich immer wieder aufdrängenden Nichtswertsein-Gefühl; dem „Die Anderen sind wichtiger“ „Nimm dich nicht so wichtig“ „Das steht dir nicht zu!“ - Gefühl. Das „es hat doch sowieso alles keinen Sinn“ - Gefühl.

Was mich auch total wütend macht, ist die Art, wie meine Mutter die Vergangenheit glorifiziert und die Realität einfach umbaut. Sie steht in ihren Memoiren immer wie eine Art Heilige da („wie ich das alles gemacht hab allein mit euch vier Kindern!“), und wie toll das doch letzten Endes für uns war, dass wir so oft umgezogen sind und der Aufenthalt im Ausland...“ „Das prägt einen, ihr habt so viel gelernt; ihr seid einfach anders als andere...“ Teilweise stimmt das ja. Aber was hat man davon, so „anders“ zu sein, wenn man sich nur einsam und nicht dazugehörig fühlt und sein Leben nicht in den Griff zu bekommen scheint?
Im „organisieren“ sind diese Kriegskinder alle toll, das haben sie ja von klein auf gelernt; wo kriegen wir was zu essen her, wie macht man aus fast nichts eine Suppe für 10 Personen, wo kriegt man Brennholz her... aber auf dem Gefühls- und Emotionssektor ist der Gefrierpunkt.

Ich ertappe mich auch immer dabei, wie ich beim Fernsehen schauen immer und immer wieder bei Dokumentationen über Krieg, Hitler, Vertreibung, Holocaust usw. hängen bleibe! Es ist wie ein Sog. Dann schaue ich mir diese Sendungen an und fange jedes Mal bitterlich an zu weinen... es ist wie eine tonnenschwere Last, die auf mir liegt; ich fühle so viel Schuld und Mitleid und Trauer in mir.

Ich habe auch große Angst davor, wenn meine Eltern sterben, wie es dann weitergeht? Ob die ungesagten Dinge weiter in den Hälsen stecken bleiben und die Herzen verhärten und verklumpen... ob dann alles noch schlimmer wird oder ob es vielleicht besser wird..?!

Die körperliche Komponente ist auch interessant; die Mutter hat sehr hohe Cholesterinwerte (das ständige auf der Hut/Flucht sein treibt die Leber an), alle vier Töchter haben ebenfalls hohes Cholesterin. Von den Depressionen und depressiven Verstimmungen, die wir alle vier haben, hatte ich ja bereits gesprochen. Von den ständig hochgezogenen Schultern, dem eingezogenen Hals, dem Zähneknirschen und der allgemeinen Verkrampftheit des Körpers, des sich-nie-richtig-entspannen-könnens mal ganz abgesehen.“
H.M., Januar 2011

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„Die Art meines Zugangs über psychologische Beratung und Therapie erlaubt mir einerseits tiefe Einblicke in Familien ehemaliger Täter oder NS-identifizierter Mitläufer, andererseits haben diese Einblicke auch ihre Grenzen: Stets bedacht sein wollen die geringe Zahl und die jeweils subjektive und nicht konfliktfreie Sicht der Informanten. Diese sind an dieser Stelle geradezu regelhaft die Ausgeschlossenen, die Randfiguren ihrer Familiensysteme. Als außerordentlich typisch habe ich über die Jahre hinweg eine Aufspaltung, eine Polarisierung in diesen Familien erfahren, wonach etwa bei vier Kindern drei ganz auf Seiten der Eltern stehen, das vierte dagegen völliger Außenseiter ist, dies meist von früher Kindheit an. Gegen sie hat sich Gewalt von beiden Elternteilen gerichtet in Form von Vernachlässigung, Misshandlungen, sexuellem Missbrauch, Missachtung, massiven Abwertungen bis hin dazu, sie als verrückt zu erklären. Dies geschieht regelhaft, wenn und weil sie das eherne Schweigegebot in den Familien zu verletzen drohen. Genau das aber ist ihnen eine existenzielle Notwendigkeit, haben sie doch schon als kleine Kinder etwas von der verschwiegenen und verleugneten Gewaltrealität hinter der biederen Fassade gespürt, sind dringend darauf angewiesen, dass diese Wahrnehmungen und Ahnungen mit ihnen geteilt werden, sehen sich ansonsten tatsächlich der Verrücktheit preisgegeben und sind nicht selten als psychiatrisch krank erklärt und in Nervenkliniken eingeliefert worden.
Über die Jahre hinweg habe ich so viele und so erschütternde, dabei von fundamentaler Ehrlichkeit getragene Hilferufe aus diesem Bereich erhalten, dass ich dazu gekommen bin, hier von einer speziellen deutschen Unterwelt zu sprechen. Dies meine ich im doppelten Sinne: einmal mit Blick auf diese Ausgegrenzten, dann aber noch mehr hinsichtlich solcher Familien. Pikant ist dabei, dass es sich des öfteren um Familien gerade aus den „besten Kreisen“ gehandelt hat bis in die Spitzen von Wirtschaft, Industrie, Wissenschaft, Politik und öffentlicher Verwaltung.“
Jürgen Müller-Hohagen, „Übermittlung von Täterhaftigkeit an die nachfolgenden Generationen.“ In: Radebold, H, Bohleber, W, Zinnecker, J (Hrsg.), „Transgenerationale Weitergabe kriegsbelasteter Kindheiten. Interdisziplinäre Studien zur Nachhaltigkeit historischer Erfahrungen über vier Generationen“, Juventa, Weinheim 2008.

 

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Kind kriegsbelasteter Vertriebener

Ich bin 1956 geboren und suche nun seit fast 30 Jahren nach den Gründen für meine Probleme, bzw. nach einer Möglichkeit sie aufzulösen. Seit vielen Jahren frage ich mich, was mit mir los ist und warum ich mein Leben überhaupt nicht auf die Reihe bringe. Ich war drogenabhängig, hatte Bulimie, hatte schwere Depressionen, war medikamentenabhängig, bin völlig bindungsunfähig, finde keinen Platz an dem ich bleiben kann, ziehe immer wieder um, fühle mich immer fremd, kann keine berufliche Tätigkeit ausüben, weil ich es an keinem Arbeitsplatz aushalte. Ich habe verschiedene Studien angefangen und wieder abgebrochen. Erst mit 40 habe ich eine Berufsausbildung abgeschlossen, konnte aber dennoch nicht in dem Beruf arbeiten.

Ich habe zahlreiche Therapien hinter mir.

Ich konnte mich zwar von meiner Drogen- und Medikamentensucht befreien, auch die Bulimie ist kein Thema mehr, doch immer noch lebe ich kein normales Leben. Ich ertrage keine Nähe, habe Probleme mit Gefühlen, ich laufe immer davon (bin immer auf der Flucht) und ich weiß irgendwie nicht wer ich bin.
Letzte Woche fiel mir in unserer örtlichen Bibliothek das Buch „Wir Kinder der Kriegskinder“ in die Hände.

Es traf mich wie ein Schlag.

Einerseits war es wie ein Befreiungsschlag. Endlich endlich weiß ich, was mit mir los ist.

Andererseits war es ein Schock.

Seit ich das Buch gelesen habe, zieht mein ganzes Leben an mir vorbei. Immer wieder fallen mir Situationen mit meinen Eltern ein, die ich nun unter einem anderen Licht sehe. Es ist erschreckend und der Schmerz um das Leid meiner Eltern haut mich fast um.

Meine Eltern waren beide Vertriebene aus dem Sudetenland. Meine Eltern waren keine Kinder mehr, als sie flüchten mussten, sie sind beide Anfang der 20er Jahre geboren, doch auch sie erlebten scheinbar so viel Leid, dass es sie für ihr ganzes Leben geprägt hat. Meine Mutter hat ihr Leben lang nicht darüber geredet. Erst ein paar Wochen vor ihrem Tod erzählte sie mir von ihrer Flucht. Und das auch nur andeutungsweise. Und ich habe nichts verstanden, nichts nachgefragt.

Ich bin aufgewachsen unter einem schweren Mantel des Schmerzes und des Leids und der Sehnsucht nach der Heimat. Doch nie wurde davon auch nur ein Wort ausgesprochen. Der Schmerz lag um uns, aber er wurde nie mit Namen genannt. Nur die Heimat wurde öfters erwähnt. Aber nicht konkret. Ich erinnere mich, dass ich als Kind nicht wusste, was „Sudetenland“ ist und was das zu bedeuten hat. Dieses Wort schwebte in unserer Familie und machte uns zu etwas Besonderem, Andersartigem. Wir lebten irgendwie abgeschirmt von der „normalen“ Welt da draußen. Besuch kam fast nie. Es hieß immer, hier sind wir und dort die anderen. Alles was außerhalb unserer Familie war, war Gefahr. Uns wurde eingetrichtert, jedem Fremden zu misstrauen. Meine Eltern unternahmen nichts, gingen nicht aus, nicht ins Theater oder ins Kino oder zu Freunden. Sie hatten keine Freunde. Unser Leben spielte sich zuhause ab, dort war man sicher.

Aber ich verstand nicht warum das so war. Es wurde nichts erklärt. Das ist das Schlimme.

Ich merke nun, dass ich mein Leben lang versucht habe, in ein Raster zu passen, das von Flucht, Heimatverlust, Schmerz und Angst geprägt war. Ich wusste immer irgendwie, dass ich da nicht hineinpasse, aber es war ja das Raster, das mir meine Eltern vorgegeben hatten. Sie waren die einzige Orientierung die ich hatte. Wie hätte ich wissen können, dass Krieg und Vertreibung die Ursachen für ihr Verhalten und ihre Regeln waren.

Ich bin dankbar, dass ich endlich erfahren durfte, warum ich solche Schwierigkeiten in meinem Leben habe und warum bei uns alles so seltsam war. Ich hoffe, dass ich das alles nun vielleicht doch noch aufarbeiten kann.
A.W., Januar 2011

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Mein Erbe

„Mein Schweigen der ersten 50 Jahre zu brechen ist der Anfang dessen, was ich mutig tun will, um mich aus den Fesseln von Scham, Schuld, Sucht, Leichtsinn, Zerstörungsenergie zu befreien und für mich selbst dieses Erbe zu würdigen, im Geiste eines höheren Ziels, das LIEBE heißt.“
Hans-Reiner, November 2010

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Muttervertreibung

„So klingt es immer wieder in mir:
„Mutter, es war doch eine Vertreibung“!
Noch nie hat sie ungefragt etwas dazu gesagt oder erzählt. Verschlossen sind die Bilder in ihr, sie sperrt sie eine, seit sie 16 ist, und sperrt sich seitdem vom Leben aus.
Was ich damit zu tun habe?
Wenn ich an dieses kleine Bauerndorf in einem Seitental der Ahr denke, so spüre ich, dass mir etwas fehlt. Wie eine Wurzel, die keinen Nährboden findet, die – ausgehend von einem Baum, der am Abgrund steht - in die Tiefe des Abgrunds hinunter wächst, ohne Halt und Nahrung zu finden. Ja, so kenne ich sie, meine beraubte Mutter.
Alles zurück lassen mussten sie:
Herberge, Arbeit, Gewohntes, lieb Gewonnenes, Freunde, Verwandte.
Gerne wüsste ich, womit sie losgezogen sind, meine Großeltern und die zehn Kinder, arm wie Kirchenmäuse, um ihre Heimat und dem wenigen Hab und Gut beraubt, was Großvater durch seiner Hände Arbeit Tag und Nacht geschaffen hatte. Meine Fantasie geht dahin, dass alles auf einen vierrädrigen Leiterwagen passte, alles sorgfältig und achtsam verpackt, fest gezurrt und verrödelt, damit nur nichts verloren gehen oder zerbrechen konnte.
Vor wenigen Jahren ist sie erstmals wieder zurückgekehrt an diesen Ort, ihre verlorene Heimat. Verbittert hat sie ihre Wut auf die ausgedrückt, die damals, vor fast 70 Jahren geblieben sind. „Die hätten sich alle Grundstücke unter den Nagel gerissen…“
Zum ersten mal habe ich damals etwas von dieser Bitterkeit, nein, von der Wurzel ihrer Bitterkeit gespürt und erfahren, was es (unter Anderem) ist, das diese riesige Loch in ihr gerissen hat, das mir immer wieder leibhaftig vor Augen ist, wenn ich sie sehe:
Gesenkter Blick, der mir sagt:
„Bitte hilf mir, Du kannst dieses Loch füllen!“
Nein, Mutter, ich kann es nicht, so sehr ich Dich liebe!“
Hans-Reiner, November 2010

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Horror vacui

„Ich zog für das Studium in eine kleine Substandardwohnung (WC am Gang, Dusche in der Küche - ähnlich wie die Wohnung meiner Urgroßmutter, zu der meine damals gerade verwitwete Großmutter mit ihren drei verbliebenen Kindern gezogen war) und wohnte dort 18 (!) Jahre (die meiste Zeit davon mit meinen damaligen Lebenspartnern), auch als
ich schon längst mein eigenes Geld verdiente, und obwohl ich selbst als Kind einen besseren Wohnstandard gewohnt war. Nachdem mir meine Katze in der kleinen Wohnung leid tat, begann ich mich für eine Übersiedlung zu interessieren….
Schließlich bin ich mit 40 in eine schöne, große und bequeme Wohnung gezogen, die ich darüber hinaus seit fünf Jahren alleine bewohne, und habe noch immer ein schlechtes Gewissen, dass es mir so gut geht - manchmal beschleicht mich deswegen ein Unwohlbefinden (das Gefühl kenne ich auch aus anderen Situationen, wo etwas gut läuft).
Ich kann nicht sagen, ob diese Blockaden ihre Wurzeln in der Kriegszeit haben, oder ob sie ein schichtspezifisches Problem sind. Das betrifft auch das Thema „Raumausnutzung“. Damit meine ich die Einschränkung der Bewegungsfreiheit in einer Wohnung durch die Möblierung, eine Art „Horror vacui“, der das einzelne Körperindividuum eingrenzt und einengt, weil der verfügbare „Platz optimal ausgenutzt werden muss“. Dieses Phänomen ist mir erst vor ein, zwei Jahren bewusst geworden. Es ist übrigens eng verwandt mit der Neigung zum Hamstern, der ich auch immer wieder bewusst gegensteuern muss.“
Elisabeth R., August 2010

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Der lange Weg der Erkenntnis

„Dies ist eine längere Geschichte, unbewusst begann sie bereits vor Jahren, seit Ende 2005 wurde sie jedoch zur Belastung. Ab dieser Zeit hatte ich regelmäßig mit Schwindel zu tun, der mich teils tagelang und phasenweise auch wochenlang lahm legte. Die Ursachenerforschung des Schwindels setzte bei mir eine Odyssee von Arztbesuchen in Gang: Orthopäden, HNO, Neurologen, einschließlich Kernsprinthomografie, eine Gleichgewichtsanalyse sowie eine statische Vermessung der Wirbelsäule und zuletzt noch eine Aufbissschiene.
Im Juni 2008 steigerte sich meine Angst zur ersten Panikattacke. Es folgten weitere Attacken, wobei ich aufgrund von Todesängsten zweimal notfallmäßig im Krankenhaus landete. Danach wurde ich erst von einer Neurologin aufgeklärt, dass ich unter Panik- und Angstattacken leide, worüber ich vorher keine Informationen hatte.
Während einer neunwöchigen intensiven Therapie stellte man fest, dass ich selber keinerlei Erlebnisse hatte, die eine solche Angststörung auslösen könnten. Da hörte ich das erste Mal, dass es sich wohl um eine transgenerationale Weitergabe von Ängsten handeln müsste, da ich selbst Blockaden feststellen konnte, dass ich mich bisher unbewusst weigerte, mich mit den Kriegserlebnissen meiner Eltern auseinander zu setzen. Also erfolgte eine geschichtliche Auseinandersetzung mit meiner Mutter, wo ich erstmals erfuhr, was sie als Kind im 2.Weltkrieg erlebt hatte.
Zu mehr war ich vor 2 Jahren nicht bereit. Es folgte dann ein weiteres halbes Jahr Verhaltenstherapie, um mit meiner Angst im Alltag zurecht zu kommen.
Schließlich hatte ich ein gutes Jahr keine Probleme und habe nahezu alles wieder gemacht, was zwischenzeitlich nicht ging, z.B. Kaufhäuser, Kino, Auto fahren, usw..
Vor ca. 6 Wochen ging dann alles wieder von vorne los, ich konnte das Haus kaum alleine verlassen, hatte eine nahezu unerträgliche innere Unruhe, bekam Herzrasen, weiche Knie und konnte kaum Leute um mich herum ertragen.
Wurde schließlich krank geschrieben, um erst mal zur Ruhe zu kommen. Diese Ruhe sorgte jedoch nicht für Entspannung, sondern die Angst verstärkte sich und wurde in gewisser Weise konkreter, da ich kaum noch äußeren Einflüssen ausgesetzt war. Ich spürte eine permanente Angst es könnte etwas passieren oder es könnte bei mir etwas entdeckt werden, obwohl mir klar war, dass ich nichts verstecke. Dazu kam eine unendliche Traurigkeit, die ich nicht zuordnen konnte. Ich wollte das Haus kaum noch verlassen und nur von meiner Familie umgeben sein.
Irgendwie hatte ich das Gefühl, da ist noch etwas, was meine Mutter mir nicht erzählt hatte. Also, mit etwas Überwindung, habe ich meine Mutter nochmals auf ihre Kindheit angesprochen, aber bei ihr gab es keine weiteren Geheimnisse. Als ich ihr allerdings erzählte, dass ich Angst habe, es könnte etwas entdeckt werden, kam sie gleich auf die Familie meines Vaters. Komischerweise habe ich immer nur zur Familie meiner Mutter geschaut, womit ich einfach falsch lag.
Mein Vater hatte nie über Gefühle oder Ängste gesprochen, da er seine komplett verdrängt haben musste, so dass ich auch nie über seine Kindheit nachgedacht hatte, obwohl es jetzt sehr offensichtlich ist, dass die Ängste von ihm weitergegeben wurden.
Mein Vater hatte einen behinderten Bruder, der in der ganzen Kriegszeit immer wieder versteckt werden musste, so dass mein Vater über Jahre der Anspannung ausgesetzt war, er könnte entdeckt werden. Leider ist mein Vater vor einem Jahr gestorben, so dass ich nicht mehr nachfragen kann, wie und wo mein Onkel versteckt wurde und was es für ihn bedeutete. Er hatte auch mit meiner Mutter nie darüber gesprochen, es wurde nur so nebenbei erwähnt, dass mein Onkel irgendwie immer mitlief, aber welche Ängste damit verbunden waren, hatte niemand erwähnt.
Auf jeden Fall bin ich froh, dass sich meine Ängste nun etwas besser erklären lassen und es mir auf die Dauer hoffentlich leichter fallen wird, mit den „fremden“ Ängsten zu leben.“
Karla, August 2010 (geb. 1965)

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„Man hat noch nicht über die Anthropologie der deutschen Nachkriegsgesellschaft nachgedacht. Aber wer sie zu beschreiben versuchte, der müsste von der massenhaften Elementarerfahrung von Obdachlosigkeit und Flucht ausgehen. Ist sie nicht einbetoniert in der sichtbaren Oberfläche dieser Gesellschaft? In den Hunderttausenden Eigenheimen, in ihrer peniblen Reinlichkeit, ihrer heimatlosen, frostig anmutenden Gleichförmigkeit und ihrer überheizten Wohnzimmern? In den Fußgängerzonen und Einkaufszentren, in der geschrubbten Ordentlichkeit, Befestigtkeit und Solidität der Lebensumstände? (…) Das Gefühl für die Heimat stand, jedenfalls in den Dichtungen der Menschheit, immer neben der Erinnerung an Flucht und Entwurzelung. Warum sollte das ausgerechnet heute anders sein?“ Gustav Seibt: „Jenseits des Aufrechnens. Die Deutschen, der Luftkrieg und die Vertreibung“, Süddeutsche Zeitung 2007; Zitat in: Andreas Krosssert: „Kalte Heimat“, S. 14

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Birgit Weidt im Gespräch mit Sabine Bode, Autorin des Buches „Kriegsenkel – die Erben der vergessenen Generation“, Klett-Cotta, 2009

Inwiefern übertrug sich die nicht aufgearbeitete Vergangenheit der Eltern auf die Kinder?

Bode: Das lief nicht bewusst ab und deshalb muss deutlich werden, dass es bei diesem Thema auch nicht um Schuld oder um Beschuldigung geht. Die von mir befragten Kriegsenkel leiden durchweg an einem Mangel an Emotionalität von Seiten der Mutter und/oder des Vaters. Der Satz, den ich immer wieder hörte, lautete: Ich kann meine Eltern emotional nicht erreichen.’ Auffällig häufig war von Müttern die Rede, die wenig körperliche Nähe zulassen konnten. Diese haben es selbst nie erfahren. Sie wussten nicht, was es heißt, getröstet zu werden, denn sie waren von ihren eigenen Eltern mit ihren Ängsten und Nöten im Krieg alleingelassen worden. Das übertrugen sie später auf ihre Kinder, denn, selbst Eltern geworden, empfanden sie es wohl so, dass all die normalen Probleme von Kindheit und Pubertät doch nichts gegen die Schrecken waren, die sie einst selbst erlebt hatten. Aber man muss sich klar machen: Den meisten Eltern war überhaupt nicht bewusst, dass sie diese Nachwirkungen des Krieges in sich trugen. Das Besondere bei den Kriegskindern ist ja: Hier handelt es sich um eine große Gruppe von Menschen, die in der Kindheit verheerende Erfahrungen machte, aber über Jahrzehnte in der Mehrzahl eben nicht das Gefühl hatte, etwas besonders Schlimmes erlebt zu haben. Denn es fehlte ihnen der emotionale Zugang zu diesen Erfahrungen und damit auch der Zugang zu den wichtigsten Prägungen. Dennoch wurden sie davon gesteuert.

Was wäre Ihre Botschaft an die Kriegsenkel?

Bode: Es müsste das Ziel sein, die eigenen Eltern besser zu verstehen und sich gleichzeitig auch endlich von ihnen abgrenzen zu können. Im Prinzip geht es darum, zwischen unguter Fürsorge und angemessener Unterstützung zu unterschieden. Die Kriegsenkel sollten sich nicht länger darum bemühen, ihre Eltern emotional zu erreichen, sondern die Beziehung so zu akzeptieren wie sie ist. Ich glaube nicht, dass solche Eltern sich nach mehr Nähe sehnen. Stattdessen ist es für die Kriegsenkel Zeit, sich selbst wesentliche Fragen zu stellen: Will ich beruflich noch einmal Gas geben? Will ich noch eine Familie gründen? Das setzt voraus, dass man sich gedanklich von den Eltern lösen kann, dass es nicht länger solch einen Unruhefaktor im Leben gibt, unter dem Motto: Ich muss die Mutter wieder anrufen, oder hoffentlich war der Vater beim Arzt, er sorgt so schlecht für sich. Es ist wichtig, sich so etwas bewusst zu machen. Es ist ein großer Unterschied, ob man etwas automatisch tut, weil es eben immer schon so war, oder ob man sich altersgerecht abgrenzt, indem man bei sich wahrnimmt: Es ist eine Belastung, wenn man die Eltern beeltern muss. Es geht auch darum herauszufinden: Kann ich eigentlich selbst gut für mich sorgen? Oder komme ich zu kurz, weil diese Dinge mir die Kraft absaugen, die ich eigentlich brauche, um in meinem eigenen Leben anzukommen und es zu gestalten.

In Ihrem Buch schreiben Sie, dass Kriegsenkel von einem sekundären
Trauma geprägt sind. Worin äußert es sich?

Bode: Ein Teil der Fachwelt spricht von einem, sekundären Trauma’, der andere Teil meidet in diesem Zusammenhang den Begriff Trauma und spricht von Menschen mit Bindungsstörungen, oder abgeschwächt von solchen, die unsicher gebunden sind. Eine Auffälligkeit in dieser Generation sind also gewisse Bindungsprobleme. Viele Kriegsenkel sagen: ‚Ich habe keinen Boden unter den Füßen, und ich kann es nicht aushalten, wenn mir ein anderer Mensch zu nahe kommt.’ Unsicher gebunden zu sein heißt, wenig Halt zu haben und übermäßig misstrauisch zu sein. Das belastet enge Beziehungen, denn die Fähigkeit zu vertrauen ist ja eine zentrale Voraussetzung für eine gute Beziehung. Viele Kriegsenkel leben also die unverarbeiteten Ängste der Eltern in verdünnter Konsistenz weiter. Stellen Sie sich eine Frau vor, die als Dreijährige monatelang mit Mutter und Großmutter auf der Flucht war. Natürlich kann sie sich als Erwachsene kaum daran erinnern. Sie sah sich nicht als Kriegskind, sondern als Nachkriegskind. In den Biografien meines Buchs taucht zu 80 Prozent im persönlichen Hintergrund Flucht und Vertreibung auf. Den Kindern der Flucht wurde nach gesagt: Vergiss alles und schau nach vorn. Also wurde verdrängt, so gut es ging. 14 Millionen Menschen verloren nach dem Krieg ihre Heimat. Sie versuchten sich mit dem Gedanken zu trösten: Wenn es materiell aufwärts geht, wenn die Kinder gute Schulnoten heimbringen, dann ist das Schlimmste überstanden. Doch bei den meisten Menschen, die als Erwachsene vertrieben wurden, blieb lebenslang ein Schmerz. Sie empfanden die neue Umgebung als Exil. Auch das mussten deren Kinder, die Kriegskinder, verkraften.

 

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„Kinder merken enorm viel. Aber wenn dieses Wissen im Untergrund bleiben muss..., dann bewegt sich dieser Mensch auf den dunklen Schienen eines unerkannten Wiederholungszwangs durch sein Leben“. Jürgen Müller-Hohagen, „Geschichte in uns“, S. 21

 

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Meine Wohnung

„Meine Wohnung ist mir heilig. Sie ist ein Ort der Zuflucht, der Ruhe und Geborgenheit. Wenn ich am Fenster meines Zimmers stehe, schaue ich nach Osten in einen Garten mit Blumen und Efeu an der Wand. Dort tummeln sich Vögel, mit denen ich oft stumme Dialoge führe. Gehe ich durch mein Zimmer und meine kleine Diele in die Küche hinüber, dann schaue ich in einen typischen Berliner Hinterhof nach Westen.
Ich liebe meine Wohnung. Aber das war ein langer Weg dorthin. Denn 1991 bin ich als Zwanzigjährige nach meinem Abitur in Essen mit nur zwei Koffern und völlig unvorbereitet nach Berlin gezogen. Dort habe ich dann in den kommenden 12 Jahren eine wahre Zimmer- und Wohnungs-Odyssee zelebriert: Studentenwohnheime, WG-Zimmer, plötzliche Umzüge in andere WGs, unzählige Umzüge in Wohnungen auf Zeit und zur Untermiete, mit fremden Möbeln, schlechten Gerüchen, unangenehmen und angenehmen Mitbewohnern und dann wieder: Knall auf Fall umziehen, das schnellstmögliche nehmen, aus Angst, ich finde nichts besseres.
Dann kam das Erlebnis mit den Mäusen, die ich in einer Wohnung entdeckt hatte. Nachts bin ich in panischer Angst vor den Tieren zu Freunden gezogen. Ich konnte die Wohnung nur noch vor Angst erstarrt betreten, fluchtartiger Auszug in eine neue Wohnung, nun jedoch das erste Mal als richtige Hauptmieterin mit einer kleinen zusammen gebastelten und improvisierten Einrichtung (Hauptsache: ich komme schnell weg). Dort, in die 27 qm-Wohnung, zog dann jedoch gleich mein damaliger Freund halb mit ein, drei Jahre wohnten wir dort auf engstem Raum zusammen. Er war Mazedonier und ich überlegte schon, ob wir die Familie von ihm in meiner Wohnung aufnehmen sollten, wenn der damalige Jugoslawien-Krieg auch auf Mazedonien übergreifen würde. Dazu kam es dann aber nicht.
Bevor ich in meine jetzige Wohnung zog, brach man in meine alte ein und verwüstete teilweise meine Einrichtung. Fluchtartiger Auszug, Panik vor der Wohnung, in der ich mittlerweile so lange gelebt hatte.
Doch dann fand ich endlich mein Zuhause, meine jetzige Wohnung. Und in den letzten Jahren ging mir auf, was das alles so auf sich hat. Denn meine Familie mütterlicherseits musste aus Polen flüchten. Über Nacht und völlig unvorbereitet. Das einzige, was meine Oma mitnehmen konnte war eine kleine Keksdose. Sie steht nun bei mir auf der Kommode. Meine Mutter war bei der Flucht 9 Jahre alt. Ich bin davon überzeugt, dass sich dieses Fluchterlebniss in mir einprägte, ohne dass ich es wusste. Meine Mutter sagt bis heute, sie habe das alles sehr gut verkraftet, es sei eher wie ein Abenteuer gewesen, aber irgendwie scheint das vielleicht tief in ihr drin sitzende Trauma auf mich übergegangen zu sein. Und ich habe jahrelang diesen Schrecken reinszeniert, ohne mir darüber bewusst zu sein.
Seitdem ich um diesen Zusammenhang weiß, kann ich anders mit dieser Wohnungshetze umgehen. Nicht mit Selbstvorwürfen, so chaotisch und unzumutbar zu sein, sondern mit Verständnis. Ich habe immer noch Ängste, meine jetzige Wohnung verlieren zu müssen. Ich lag zum Beispiel vor einigen Wochen nachts in meinem Bett und konnte nicht schlafen, weil meine Nachbarn über mir Krach machten. Voller Angst habe ich gedacht, dass ich nun, wenn das so weitergeht, wieder eine neue Wohnung suchen muss und alles aufgeben muss. Aber dann wurde mir der Ursprung dieser Gedanken wieder klar und ich konnte nur fassungslos den Kopf schütteln. Ich hoffe, dass sich das Gefühl etabliert, ein absolutes Wohnrecht zu besitzen und dass keiner mir meine Wohnung wegnehmen kann. Wenn ich diese Stärke spüren lerne, dann fühle ich mich auch nicht mehr so ausgeliefert. Ich bin da noch nicht angekommen, aber auf dem Weg dorthin.“
Anja F., Januar 2010


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„In der Forschung ist längst bekannt, dass traumatische oder belastende Erfahrungen, wenn sie nicht aufgearbeitet wurden, an die nächste Generation übertragen werden können – man nennt diesen Prozess "transgenerationale Weitergabe".

Wir sind eine Generation, deren Lebensgefühl geprägt ist von emotionalen Erfahrungen, die gut 60 Jahre zurückreichen: die Heimatlosigkeit, das Gefühl, sich nirgends verwurzeln zu können, die eingeimpfte Existenzangst, Bindungsschwierigkeiten, Identitätsverwirrungen und vor allem das Gefühl, bei den Eltern etwas wieder gutmachen zu müssen ...all das sind oft Folgen der elterlichen Kriegs-, Flucht- und Vertreibungserfahrung.

"Meine Eltern und ich, wir kennen uns eigentlich kaum" – das ist ein Satz, den ich im Zuge der Recherche zu diesem Buch immer wieder hörte. Ein Gefühl der Fremdheit scheint die Beziehung vieler 1955-1975 Geborenen zu ihren Eltern, den Kriegskindern, zu charakterisieren.“
Anne-Ev Ustorf, „Wir Kinder der Kriegskinder. Die Generation im Schatten des Zweiten Weltkriegs“, Freiburg im Breisgau: Herder, 2008.

 

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„Eine Zeit der gemeinsamen Trauer hat bei uns in der Familie nie stattgefunden.“
Annette S., Dezember 2009

 

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Über Loyalität: „Die Verpflichtung, die Schuld, entsteht doch häufig da, wo Mißtrauen war, Ausbeutung, Verlassenheit. Das Kind schont und stützt seine Eltern ein Leben lang, wo sie versagt haben, weil es dort nicht frei werden konnte.“ Frau G., Jürgen Müller-Hohagen, „Geschichte in uns“, S. 49

 

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Ich bin gestört worden

„Manchmal ist die deutsche Sprache faszinierend: In ihrer Klarheit und in ihrer deutlichen Bildsprache ließ sie mich schon manche Erkenntnisse haben – manchmal sollte man sie aber auch korrigieren. So zum Beispiel dies: Ich habe manchmal das Gefühl, ich bin gestört, weil ich so viele Macken und Ticks habe und manchmal nicht weiß, was das alles soll, warum ich die habe. Seit längerer Zeit beschäftige ich mich dem 2. Weltkrieg, schließlich mit meinen Eltern, die als Kinder unzählige Bombennächte miterlebt haben, nächtelang Todesängste durchlebten - und dann nach dem Krieg taten, als ob alles vergessen werden kann, was erlebt wurde. Ich, 1962 in einer süddeutschen Kleinstadt geboren und aufgewachsen, habe dieses Muster komplett übernommen: Über diese Themen geschwiegen, sie als unwichtig, nichtig abgetan, wer sich damit beschäftigt, habe ich immer gedacht, der hat doch ein Problem, der ist depressiv oder ein „Gut-Mensch“ – lasst doch endlich die Vergangenheit ruhen! So, wie meine Eltern es taten: Nach Außen soll alles Top aussehen, Hauptsache, die Fassade stimmt. Und was dahinter passiert, das ist Privatsache, das sind private Probleme. Meine Fassade bröckelte dann, eben weil ich merkte, wie gestört ich in manchen Dingen bin: Beziehungsunfähig, Eigenbrödler, der keine Nähe zulassen kann, depressive Rückzugstendenzen, Schreckhaftigkeit oder in der Nacht aufwachen und Angst bekommen, aber nicht zu wissen, wovor. Doch auch ich habe das alles immer runtergespielt, das ist doch nichts, ich darf doch nicht klagen, ich habe doch noch nie etwas wirklich Schlimmes erlebt. Und es spuken die Sprüche durch den Kopf wie: „Was mich nicht umbringt, macht mich stark!“ Aber jetzt denke ich: Die Fassade hat bei meinen Eltern zwar perfekt funktioniert (Arbeit, Haus, Garten, gepflegte Kleidung) aber dahinter, in der Psyche, sah es dunkel und leer aus. Und dadurch bin nämlich nicht ich gestört, sondern ich wurde gestört, und zwar in meiner psychischen Entwicklung. Dadurch, dass ich zwar körperlich gut versorgt wurde, aber psychisch vernachlässigt, wurde ich gestört und konnte viele Dinge, so zum Beispiel Vertrauen in mein Handeln, Selbstgefühl oder auch Vertrauen in meine Umgebung und in andere Menschen, nicht entwickeln. Anders nämlich als "Ich bin gestört", was ja immer heisst, ich bin gestört im Inneren, ich bin es aus mir selbst heraus, heisst: "Ich bin gestört worden", dass nicht ich die Ursache der Gestörtheit bin, sondern sie von außen kommt und die ich angenommen habe/nicht anders konnte als sie annehmen. So verortet bekommt dieser Begriff endlich seine richtige Bestimmung.“
Uwe K., September 2009


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Reich mir die Hand, mein Leben